Moskau/Kiew – Nach zähen Verhandlungen haben Russland und die Ukraine einen Vertrag über den Gastransit zur Versorgung Europas unterzeichnet. Der russische Staatskonzern Gazprom und der ukrainische Energieversorger Naftogaz unterschrieben die Vereinbarung. Das teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit. Gazprom-Chef Alexej Miller sagte, es seien endgültige Vereinbarungen getroffen worden. Sie seien bereits in Kraft getreten. Damit bleibe der Gasfluss nach Europa gewährleistet.
Es ist das erste Abkommen zwischen Kiew und Moskau nach mehr als fünf Jahren massiver Konfrontation im Ukraine-Konflikt. Der Transitvertrag für die sichere Versorgung Europas, vor allem Deutschlands, gilt für fünf Jahre. Er wurde praktisch im letzten Moment unterzeichnet, weil der aktuelle Zehn-Jahres-Vertrag am Dienstag auslief. Der Betreiber des ukrainischen Gastransitnetzes schrieb bei Facebook, das erste Gas sei gemäß dem neuen Vertrag nach Europa gepumpt worden.
Selenskyj und Kremlchef Wladimir Putin begrüßten die Vereinbarung, wie das Präsidialamt in Kiew nach einem Telefonat beider Politiker mitteilte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem „guten und wichtigen Signal“ für die Versorgungssicherheit in Europa. Ähnlich äußerte sich EU-Energiekommissar Maros Sefcovic: „Dies ist ein großartiger Tag für die Energiesicherheit in Europa.“ Es sei eine „harte Arbeit“ aller Beteiligten gewesen. Der Vertragsabschluss sei „eine starke Botschaft für unsere Verbraucher und die Industrie“.
Russland und die Ukraine hatten bereits am 19. Dezember eine Grundsatzeinigung verkündet.
Die Transitmengen fallen künftig deutlich geringer aus als in der Vergangenheit. Die Ukraine hätte gern eine möglichst große Transitmenge gehabt, weil das für das finanzschwache Land mehr Einnahmen aus den Durchleitungsgebühren bedeutet hätte. Statt der bisher rund 90 Milliarden Kubikmeter im Jahr sollen 2020 nur 65 Milliarden Kubikmeter russisches Gas durch die Ukraine gepumpt werden. Von 2021 bis 2024 seien 40 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr für den Transit geplant.
Russland will künftig die Ostseepipeline Nord Stream 2, deren Bau im Moment durch US-Sanktionen lahmgelegt ist, für direkte Lieferungen nach Deutschland nutzen. Deshalb ist die Transitmenge durch die Ukraine künftig geringer. Wann die Pipeline in Betrieb geht, ist noch unklar. „Ich glaube nicht, dass jemand jetzt ein Datum nennen kann“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge.
Energieminister Alexander Nowak hatte zuvor davon gesprochen, dass der Start erst Ende 2020 erwartet wird. Das Projekt an sich sei nicht in Gefahr, so Peskow. Russische Medien hatten zuletzt kritisiert, dass Russland in dem neuen Vertragswerk der Ukraine zu viele Zugeständnisse mache.
So überwies Gazprom eine Summe von 2,9 Milliarden US-Dollar (2,61 Mrd Euro) an Naftogaz. Die Ukraine begrüßte das. Das Geld gibt dem chronisch klammen Land wieder mehr sozialpolitischen Spielraum. Mit dem ausgehandelten Vertrag sollen auch Forderungen aus mehreren Rechtsstreitigkeiten fallengelassen werden.
Die Ukraine verzichtet nach russischen Angaben im Gegenzug auf Forderungen gegen Russland in zweistelliger Milliardenhöhe. Selenskyj zufolge besteht die Möglichkeit, den Vertrag um weitere zehn Jahre zu verlängern. Der russische Regierungschef Dmitri Medwedew bezeichnete den Abschluss als für beide Seiten angemessen. „Es war ein Kompromiss, der gefunden werden musste“, schrieb er am Dienstag im sozialen Netzwerk Vkontakte. „Jetzt sind alle Probleme gelöst.“ Naftogaz zufolge war die Versorgung der Ukraine mit russischem Gas selbst nicht Gegenstand der Gespräche. Man habe ein entsprechendes Angebot von Gazprom zur Kenntnis genommen. Unklar blieb, ob es dazu in nächster Zeit separate Gespräche geben sollte.
Ähnlich zäh wie zuletzt mit der Ukraine gestalten sich die Verhandlungen über die Preise für Gaslieferungen nach Weißrussland. Gazprom zufolge gab es in der Silvesternacht eine Einigung lediglich für Januar und Februar. Außerdem verhandelt das Land mit Russland über Öllieferungen. Da eine Einigung aussteht, wies Staatschef Alexander Lukaschenko der Staatsagentur Belta zufolge an, „die Versorgung mit Öl aus alternativen Quellen sicherzustellen“.