München – Als die Wirtschaftsleistung Deutschlands im zweiten Quartal 2019 um 0,2 Prozent zurückging, rechneten viele mit dem Beginn einer Rezession. Davon sprechen Ökonomen, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes zwei Quartale hintereinander gegenüber dem Vorquartal schrumpft. Aber im dritten Quartal gab es ein minimales Wachstum um 0,1 Prozent. Und damit schrammte Deutschland knapp an einer Rezession vorbei.
Doch das ist nur ein Teil der ganzen Wahrheit: Weltweite Handelskonflikte trafen den deutschen Industriessektor ins Mark. „Dieser befindet sich seit Frühjahr 2019 in der Rezession“, stellt Adrian Roestel von der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung, fest. Meist riss das die gesamte Weltwirtschaft mit in die Tiefe.
Dass es dieses Mal anders war, sei laut dem Experten unter anderem dem Dienstleistungssektor und dem Konsum zu verdanken. „Heute“, erklärt der Experte, „spielt der Dienstleistungssektor eine viel wichtigere Rolle in der globalen Wirtschaft als noch vor einigen Jahren.“ Und genau das ist nach Ansicht von Roestel a mit Blick auf 2020 ein bedeutender Faktor. „Schließlich befindet sich der Dienstleistungssektor im Gegensatz zur Industriebranche aktuell noch im Wachstumsbereich, während zugleich das Konsumentenvertrauen weltweit robust ist.“
Dass das Schlimmste vorerst hinter uns liegen könnte, dafür spricht auch der Geschäftsklimaindex des Münchener ifo Instituts, der auf einer Umfrage unter mehr als 7000 Unternehmen basiert. Seit September verbessert er sich.
Optimismus spiegelt sich auch in den Prognosen der Volkswirte für 2020 wider: Sie gehen überwiegend von einer Bodenbildung bei der konjunkturellen Entwicklung aus. Es wird folglich keine Rezession geben, aber auch keinen Boom. So erwartet der IWF in seinem World Economic Outlook vom Oktober 2019 ein leicht beschleunigtes Wachstum der Weltwirtschaft von 3,4 Prozent in 2020. Laut dessen Prognose stagniert dabei jedoch das Wachstum der entwickelten Volkswirtschaften insgesamt.
Das heißt, der Zuwachs kommt allein aus den Schwellenländern, wo sich das Wachstum von 3,9 auf 4,6 Prozent beschleunigen werde. Für die USA geht der IWF von einer erneuten Verlangsamung auf nur noch 2,1 Prozent aus, für die Eurozone von 1,4 Prozent und damit von einer leichten Beschleunigung.
Zwar sind die Prognosen vieler anderer Volkswirte im Vergleich dazu etwas zurückhaltender. Der Grundtenor, dass wir einen leichten Aufwärtstrend sehen werden, findet sich aber in so gut wie allen Ausblicken.
Für einen gewissen Optimismus spricht nach Ansicht von Andrew Bosomworth, Leiter des Portfolio Managements bei Pimco Deutschland, neben der anstehenden US-Präsidentschaftswahl vor allem der geldpolitische Zyklus. „Viele Zentralbanken haben 2019 ihre Geldpolitik gelockert“, so der Experte. „Da diese mit einer zeitlichen Verzögerung wirkt, wird sie 2020 zu einer Erholung beitragen.“
Positiv stimmt auch, dass es im Handelsstreit zwischen den USA und China zu einer Einigung kam. Das ist mit Blick auf das kommende Jahr ein ermutigendes Signal.
Ähnlich verhält es sich mit dem anstehenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Hier hat die Wahl Anfang Dezember die Chancen verbessert, dass der Brexit nun auf geregelte Art und Weise stattfinden wird.
All das dürfte auch der deutschen Wirtschaft zugutekommen, die im vergangenen Jahr zu einer Art Sorgenkind in Europa geworden war. Denn hierzulande brach das Wachstum von 1,5 Prozent in 2018 auf 0,6 Prozent ein. „Aufgrund der starken Ausrichtung auf die Industrie leidet Deutschland am stärksten unter den strukturellen und konjunkturellen Problemen“, erklärt Jürgen Brückner von der FV Frankfurter Vermögen AG. Das belegen Zahlen. 2017 trug der Dienstleistungssektor in Ländern mit hohem Einkommen rund 70 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. In Deutschland lag die Vergleichszahl bei 61 Prozent. Mit anderen Worten: Die deutsche Wirtschaft ist nicht nur sehr exportabhängig, sondern auch stärker auf die Industrie ausgerichtet als viele andere entwickelte Ökonomien.
Kein Wunder also, dass sie in besonderem Maße unter den Folgen des Handelsstreits zwischen China und den USA litt. Viele Experten fordern deshalb, dass die Politik an diesen strukturellen Schwächen arbeitet. Die Chance dazu könnte die zu erwartende leichte Erholung in 2020 bieten.