Istanbul/Moskau – Zuletzt wurde wegen der US-Sanktionen viel über die Ostseepipeline Nord Stream 2 geredet. Für Russland ist eine andere Erdgasleitung aber ähnlich wichtig: Turkish Stream. Seit gestern strömt offiziell Gas durch die Leitung. Zur Eröffnung des russisch-türkischen Pipeline-Projekts kamen gestern nicht nur der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan und Kremlchef Wladimir Putin nach Istanbul. An ihrer Seite standen auch der serbische Präsident Aleksandar Vucic und Bulgariens Ministerpräsident Boiko Borissow. Denn auch diese Länder spielen mit, wenn es um die Energieversorgung der Zukunft in Europa geht. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Mega-Projekt.
Wie muss man sich die Pipeline vorstellen?
Turkish Stream verläuft von Südrussland bis zur nordwesttürkischen Küste unweit von Istanbul über rund 930 Kilometer durch das Schwarze Meer. Russland liefert bereits seit 2003 über die Pipeline Blue Stream Gas in die Türkei. Blue Stream soll den Osten der Türkei versorgen. Die neue Pipeline ist demnach für Istanbul und Umland bestimmt.
Soll das Gas weiter nach Europa fließen?
Die Pipeline besteht aus zwei Strängen: Die eine Röhre leitet Gas direkt in die Türkei, die andere läuft bis zur bulgarischen Grenze. Bulgarien baut die Pipeline als Balkan Stream weiter bis an die serbische Grenze. Von da kann es weitergehen: Nach Ungarn, in die Slowakei und nach Österreich. Die Arbeiten in Bulgarien sollen bis Ende Mai abgeschlossen sein.
Welche wirtschaftliche Bedeutung hat das Projekt für die Türkei?
Die Türkei ist einer der größten Abnehmer für russisches Erdgas. Sie ist angesichts eines Mangels an eigenen Energiereserven chronisch energiehungrig und muss einen Großteil des Bedarfs importieren. Die Abzweigung Richtung Europa gibt der Türkei als Transitland mehr Macht.
Gibt es auch sicherheits- politische Aspekte?
Turkish Stream ist für die Türkei auch ein politischer Erfolg, in einem Sektor, in dem sie sich jüngst ausgeschlossen gefühlt hat. Derzeit liegt sie wegen Erdgasprojekten im Mittelmeerraum schwer mit Anrainern wie Zypern oder Griechenland über Kreuz. Ein Resultat: In einem höchst umstrittenen Schritt hat die Türkei im November mit dem Bürgerkriegsland Libyen ein Abkommen zu Seegrenzen geschlossen, über das sie nun einige der umstrittenen Gebiete mit reichen Erdgasvorkommen für sich beansprucht. Gerade hat die Türkei erste Soldaten nach Libyen entsandt, um im Bürgerkrieg Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch im Kampf gegen den einflussreichen General Chalifa Haftar zu unterstützen.
Warum ist die Pipeline für Moskau so wichtig?
Moskau geht es um alternative Routen für den Transit russischen Gases nach Europa. Der Krieg im Osten der Ukraine und die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 durch Russland haben Moskau und Kiew entzweit. Die Ukrainer sind für die Russen damit zu einem schwer berechenbaren Geschäftspartner geworden. Die Kontrolle über die als marode geltende Pipeline hat der staatliche ukrainische Energiekonzern Naftogaz. Zwar haben beide Länder ihren Vertrag verlängert. Unklar aber ist, wie es danach weitergeht. Mit der Leitung über Bulgarien kann Russland die Ukraine umgehen – ähnlich wie mit der Ostseepipeline Nord Stream 2.
Geht es auch um Konkurrenz auf dem europäischen Markt?
Ja. Russland will Süd- und Westeuropa auf direkterem Wege mit seinem Gas versorgen. Es hat schon jetzt die Gasmärkte in Europa fest im Griff. Die Russen wollen aber gewappnet sein für den wachsenden Energiehunger der Europäer – zum Beispiel, wenn Deutschland aus der Atom- und Kohleenergie aussteigt. Und Russland will den Vereinigten Staaten die Stirn bieten, die in Europa ihr teuer produziertes Flüssiggas absetzen wollen. E. LALOWA, C. THIELE, C. RÖHRS