Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, erklärt, warum der Dax weiter steigen könnte – wenn auch in deutlich geringerem Tempo.
Der Dax ist gestern auf ein neues Rekordhoch geklettert. Was sind die Treiber?
Das liegt vor allem an der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Ohne die Negativzinsen der EZB wäre der Dax nicht da, wo er ist. Seit die EZB die Zinsen für Anleihen in den Keller getrieben hat, suchen Anleger verzweifelt nach Erträgen. In der Folge weichen sie aus auf Immobilien und Aktien.
Wo stünde der Dax ohne die Geldschwemme der Notenbank?
Das ist schwer zu quantifizieren. Auf jeden Fall würde er deutlich niedriger notieren. Denn wir dürfen nicht vergessen: Die Industrie befindet sich in einer Rezession, die Gewinne der im Dax notierten Unternehmen haben enttäuscht. Aber trotz der schwachen Zahlen zieht der Dax seit zwei Jahren nach oben. Das Dax-Hoch ist damit Ausdruck einer von der EZB verursachten Vermögensinflation.
Die EZB hat ihren Kurs seit September aber kaum verändert. Warum haben die Aktienmärkte in den vergangenen Monaten trotzdem weiter zugelegt?
Es gibt weitere Treiber, etwa die Hoffnung, dass die seit zwei Jahren andauernde Talfahrt der Exportindustrie weltweit langsam zu Ende geht. Schließlich haben sich die USA und China im Handelskrieg auf einen Waffenstillstand geeinigt.
Wo sehen Sie Risiken?
In den vergangenen Jahren gab es zwischenzeitlich immer wieder Kurskorrekturen – mit teils kräftigen Abschlägen. So etwas kann immer vorkommen.
Womit rechnen Sie im laufenden Jahr?
Ich denke, dass der Dax in den kommenden Monaten weiter zulegen kann, weil die Rezessionsängste weiter zurückgehen. Da ich allerdings nur mit einer blutleeren wirtschaftlichen Aufwärtsbewegung rechne, kann die Erleichterung über ein Ende der Industrierezession schnell in Enttäuschung umschlagen. Daher könnte es insbesondere in der zweiten Jahreshälfte zu Korrekturen an den Aktienmärkten kommen. Grundsätzlich gilt aber: Solange die EZB mit ihrer Geldpolitik so weiter macht wie bisher, dürften sich Aktien schnell von zwischenzeitlichen Rückschlägen erholen.
Wo sehen Sie den Dax zum Jahresende?
Der Dax dürfte nicht wie 2019 noch einmal um 25 Prozent zulegen. Deshalb ist unsere Jahresendprognose für 2020 mit 13 700 Punkten bewusst konservativer.
Interview: Sebastian Hölzle