Frankfurt – Der deutsche Leitindex hat es geschafft – zumindest kurzzeitig stieg das Kursbarometer der wichtigsten deutschen Aktientitel über sein bisheriges Rekordhoch von 13 596,89 Punkte aus dem Jahr 2018. Bis auf 13 640,06 Punkte ging es gestern kurz nach Handelsbeginn nach oben.
Der Dax profitiere mit seiner internationalen, prozyklischen Ausrichtung überdurchschnittlich von der Entspannung der Handelsstreitigkeiten und der damit einhergehenden Verbesserung der Unternehmensstimmung, erklärte Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege der Schweizerischen Bank UBS für Deutschland.
Marktexperte Andreas Büchler vom Börsenstatistik-Dienst Index-Radar sieht mittelfristig nun sogar Luft bis in den Bereich um die 14 500 Punkte, wenngleich der Weg dahin wohl kaum wie an der Schnur gezogen aussehen werde, erklärte er. Der Dax zeigte denn auch am Tag seines Rekords kleinere Ermüdungserscheinungen: Am Nachmittag notierte er teils schon wieder leicht im Minus.
Anders als etwa den großen Indizes an der Wall Street fehlte dem deutschen Index lange Zeit die Kraft für einen Sprung auf neue Höhen. Das lag vor allem an den Konjunktursorgen im Zuge des US-chinesischen Handelsstreits, der stark auf Auto- und Chemiewerten lasteten.
Mittlerweile haben die beiden größten Volkswirtschaften aber ein Teilabkommen unterzeichnet. Damit wurden erst einmal geplante Strafzölle ausgesetzt, die das Zeug gehabt hätten, der globalen Wirtschaft weiteren Schaden zuzufügen.
Darüber hinaus scheint auch die unmittelbare Gefahr eines neuen Krieges im Nahen Osten gebannt, nachdem die zu Jahresbeginn verschärften Spannungen zwischen dem Iran und den USA zumindest nicht weiter eskalierten. Die USA hatten zwar als Reaktion auf iranische Vergeltungsschläge neue Wirtschaftssanktionen gegen das Land verhängt, aber keine weiteren Militäraktionen unternommen. „Es scheint fraglich, ob US-Präsident Donald Trump im Wahljahr einen Krieg vom Zaun brechen will“, schrieb Analyst Martin Utschneider vom Bankhaus Donner & Reuschel. Das amerikanische Volk sei „erwiesenermaßen kriegsmüde“.
Positiv wertet Index-Radar-Experte Büchler auch, dass der Dax sich schon recht lange in Schlagdistanz zur alten Bestmarke gehalten habe, ohne deutlich zurückzusetzen. Das sei ein Zeichen der Stärke gewesen.
Als Schmiermittel für die Börsen erweist sich besonders die Aussicht auf eine weiterhin lockere Geldpolitik der US-Notenbank (Fed). Erst bei einem „signifikanten“ Anstieg der Teuerung werde eine Leitzinserhöhung notwendig, hatte der Fed-Präsident Jerome Powell jüngst gesagt. Niedrige Zinsen lassen Aktien im Vergleich mit festverzinslichen Wertpapieren in einem günstigeren Licht erscheinen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte zudem ihren Krisenmodus verschärft und damit die Börsen weiter angetrieben. So will die EZB mit der Neuauflage der Wertpapierkäufe Konjunktur und Inflation zusätzlich auf die Sprünge helfen. „Die Aussicht auf jahrelange Nullzinsen am Kapitalmarkt und für Spareinlagen bei gleichzeitiger stabiler weltweiter Konjunktur ist für Aktien ein ideales Umfeld“, erklärte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater.
Auch Kunkel von der UBS gibt sich zuversichtlich. So sei der Dax im internationalen Vergleich immer noch teils niedrig bewertet. Er verweist aber auch auf latente Risiken: Ein abermalige Verschlechterung der internationalen Handelsbeziehungen, ein drastischer Abschwung der chinesischen oder amerikanischen Wirtschaft oder eine starke Aufwertung des Euro in kurzer Zeit könnten zu Spielverderbern werden.
So rechnen Experten insgesamt im Vergleich zum Bullenjahr 2019 mit seinem satten Plus von rund 25 Prozent für 2020 unter dem Strich mit eher mageren Gewinnen. Wegen der vielen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten weltweit könnte es turbulent zugehen.