Vom Politiker zum Banker

von Redaktion

Deutschlands größtes Geldhaus holt Ex-Vize-Kanzler Sigmar Gabriel in den Aufsichtsrat. Einmal mehr scheiden sich an dem SPD-Politiker die Geister. Die Opposition ist empört über den Seitenwechsel.

Berlin – Abgeordneter in Land- und Bundestag, Ministerpräsident, Bundesminister, Vizekanzler, SPD-Vorsitzender – Sigmar Gabriel hat in seinem langen politischen Leben schon allerhand gemacht. Als ausgewiesener Bankenfachmann ist er allerdings noch nicht in Erscheinung getreten – bis auf den Vorsitz des Verwaltungsrates der staatlichen Förderbank KfW. Doch ein Alphatier wie der Mann aus Goslar traut sich vieles zu. Und andere ihm offenbar auch. Die Deutsche Bank holt Gabriel in ihren Aufsichtsrat. Einmal mehr ist Gabriel für eine Überraschung gut.

Bei der Opposition löst die Personalie Empörung aus. Die Grünen-Finanzpolitikerin Lisa Paus nannte den Wechsel „das falsche Signal zur falschen Zeit“. Die Organisation abgeordnetenwatch.de forderte eine längere Karenzzeit. „Für Seitenwechsel in die Wirtschaft braucht es dringend ein Verbot von mindestens drei Jahren.“ Die SPD, deren Parteichef Gabriel von 2009 bis 2017 war, äußerte sich ausdrücklich nicht dazu. Auch die Bundesregierung wollte den Wechsel nicht kommentieren.

Gabriel ist nicht der erste hochrangige Ex-Politiker, der in die Wirtschaft wechselt. Sein Parteigenosse Gerhard Schröder übernahm nach seinem Abschied aus dem Kanzleramt 2005 unter anderem den Aufsichtsratsvorsitz bei der vom russischen Konzern Gazprom dominierten Nord Stream AG.

Von der Finanzaufsicht Bafin gibt es hingegen keinen Widerspruch. „Aufsichtsichtlich stellt sich nur die Frage der hinreichenden Sachkunde“, sagte Bafin-Präsident Felix Hufeld. „Die kann bei einem ehemaligen Vorsitzenden des KfW-Verwaltungsrates und Wirtschaftsminister ohne Weiteres bejaht werden.“ Und Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner äußerte sich erfreut, dass die Bank „einen überzeugten Europäer und Transatlantiker“ gewonnen habe.

Gabriels Geschichte ist – ähnlich wie die von Schröder – auch die eines Aufstiegs. Eine schwierige Kindheit führte ihn 1976 in die Politik. Als Schüler ging er in die sozialistische Jugendorganisation „Die Falken“ und zog später als Student in den Kreistag und den Stadtrat seiner Heimatstadt Goslar ein. 1990 schaffte er es erstmals in den niedersächsischen Landtag. Als Gerhard Glogowski, der Schröder als Ministerpräsident beerbt hatte, über eine Affäre stolperte, wurde Gabriel 1999 Regierungschef.

Die nächste Landtagswahl 2003 versiebte der heute 60-Jährige für die SPD allerdings. Er wechselte die Liga, ging aus dem beschaulichen Hannover nach Berlin, wurde Bundesumweltminister, SPD-Vorsitzender und Wirtschaftsminister. Für Martin Schulz verzichtete er 2017 auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur und übernahm das Außenministerium, das er nach der Wahl 2017 gern behalten wollte, aber an Heiko Maas abgeben musste. Anfang November vergangenen Jahres legte er sein Bundestagsmandat nieder.

Den Wechsel in die Wirtschaft hätte der in zweiter Ehe mit einer Zahnärztin verheiratete Vater dreier Töchter beinahe schon im Oktober vollzogen. Gabriel war als neuer Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) im Gespräch, verzichtete jedoch „nach reiflicher Überlegung und aufgrund anderer Aufgaben“. Bei der Hauptversammlung am 20. Mai soll sich Gabriel nun den Deutsche-Bank-Aktionären zur Wahl stellen. dpa

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