Der Geldbeutel soll überflüssig werden

von Redaktion

VON ROLF OBERTREIS

Frankfurt – Apple-Nutzer aus dem Sparkassenlager können jetzt auch das, was Smartphone-Besitzern mit dem Google-Betriebssystem Android schon seit fast zwei Jahren möglich ist: Mit ihrer Smartwatch an der Kasse kontaktlos bezahlen. Es ist ein weiterer Schritt hin zu neuen Bezahlwegen. „Es ist unser Ziel, die Geldbörse abzuschaffen“, sagt Apple-Pay-Chefin Jennifer Bailey. Ob das in Deutschland gelingt, einem Land, dessen Bürger immer noch sehr gerne mit Münzen und Scheinen bezahlen, ist zweifelhaft. Dauern wird es ohnehin noch. Bislang ist Apple Pay nicht mit einer Girocard – der früheren EC-Karte – nutzbar. Und die ist bei Sparkassen, Volksbanken und Banken hierzulande mit Abstand am weitesten verbreitet.

Mehr als 100 Millionen Girocards sind in Deutschland in Umlauf. Kredit- und Debitkarten kommen nur auf knapp 36 Millionen, bei den Sparkassen sind es dem Branchenverband DSGV zufolge rund neun Millionen.

Zwar sinkt die Quote, aber 2018 wurden immer noch 48 Prozent der Einkäufe wertmäßig bar bezahlt, 30 Prozent entfielen auf Girocards, nur knapp sieben Prozent auf Kreditkarten. Beim Digitalverband Bitcom heißt es andererseits, 30 Prozent der Bundesbürger bezahlten bereits mobil, 53 Prozent beim Einkauf im Supermarkt, ein Drittel beim Kauf von Mode, Technik oder Möbeln. Und jeder sechste bezahle so seine Fahrkarte.

Das kontaktlose Bezahlen ist sowohl mit einer Girocard wie auch mit einer Kreditkarte möglich, wenn sie dafür vorgesehen ist – das zeigt das Wellensymbol auf der Karte. Bis 25 Euro geht das ohne Pin und Unterschrift. Möglich macht das die Nahfeldkommunikationstechnik NFC. Kassenterminals, die dafür eingerichtet sind, tragen ebenfalls das Wellensymbol. Bis auf mindestens vier Zentimeter muss die Karte an das Gerät gehalten werden.

Erstaunlich bleibt, dass Apple Pay erst vier Jahre nach dem Start in den USA hierzulande der Durchbruch gelingt. Über wenige Schritte kann die Kreditkarte in der Wallet, dem elektronischen Portemonnaie des iPhone – und auch in der iWatch hinterlegt werden. Sofern die jeweilige Sparkasse (371 von 379 sind jetzt dabei) oder Bank Apple Pay akzeptiert. Gestartet sind damit hierzulande Ende 2018 unter anderem die Deutsche Bank (mit einer virtuellen Mastercard), die HypoVereinsbank und die Internetbank N26, die Apple Pay in ihre eigene App integriert.

Nutzbar ist Apple Pay auch über das FinTech Vimpay und dessen App. Ist eine Kreditkarte für Apple hinterlegt, kann generell kontaktlos ohne Unterschrift und PIN bezahlt werden. An der Kasse geben iPhone Nutzerinnen und Nutzer die fällige Summe durch Gesichtserkennung (Face ID) oder mit Fingerabdruck-Sensor auf dem Gerät frei.

Mittlerweile sind auch Commerzbank, Comdirect, ING, Consorsbank, HypoVereinsbank und weitere Institute dabei. Volks- und Raiffeisenbanken sollen 2020 dazu kommen. Dann sollen laut Apple Pay-Chefin Bailey auch Girocards eingebunden werden können. Gezahlt werden kann mit Apple Pay im Übrigen auch im Internet.

Apple bietet alles natürlich nicht umsonst. Dem Vernehmen fließen 0,15 Prozent des jeweiligen Umsatzes an das US-Unternehmen, ähnlich wie angeblich auch bei Google Pay.

Laut Bitcom haben 60 Prozent der Bundesbürger Bedenken wegen der Sicherheit beim kontaktlosen Bezahlen. Die Anbieter wenden verschiedene Verfahren an. Bailey betont, dass die Betrugsrate praktisch bei null liege. Nach Angaben von Josefine Lietzau vom Verbraucherportal Finanztip werden keine Kartendaten weitergegeben, weder an den Händler noch an Apple und Google. Es werde nur eine Art virtuelle Kartennummer abgespeichert, ein sogenannter Token.

Allerdings erhielten Anbieter wie Apple, Google oder Paypal Daten über die Zahlungsvorgänge und damit über Vorlieben der Nutzer. Google könne sogar Daten zum Kauf erheben, also Uhrzeit, Händler und Kaufsumme. „Wenn Sie das nicht möchten, nutzen Sie entweder die Bezahllösung Ihrer eigenen Bank oder zahlen mit Bargeld“, rät Lietzau. Sollte man das Smartphone verlieren, muss man die dort hinterlegten Karten sperren lassen.

Bei Google Pay wird die Kreditkarte oder die Girocard in der App hinterlegt und es kann kontaktlos bezahlt werden – ohne Pin und Unterschrift.

Paydirekt, das bislang nur bedingt erfolgreiche Online-Bezahlverfahren deutscher Kreditinstitute, gilt vor allem für Einkäufe im Internet, sofern die eigene Bank und das Unternehmen, bei dem eingekauft wird, dies akzeptiert. Paydirekt hatten deutsche Kreditinstitute 2014 als Alternative zum US-Anbieter Paypal gestartet. Experten zufolge zählte Paypal Anfang 2019 in Deutschland 20,5 Millionen Nutzer, bei Paydirekt seien es im Oktober nur etwa 2,9 Millionen gewesen.

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