München – Das Coronavirus könnte das Gesundheitssystem in Deutschland auf ganz andere Weise beeinflussen, als viele denken: Weil das Virus das öffentliche Leben in der chinesischen Provinz Hubei und damit zahlreiche Fabriken lahmgelegt hat, droht die Wirkstoffproduktion gängiger Arzneimittel wie Schmerzmittel oder Blutdrucksenker ins Stocken zu geraten. Diese Sorge äußerte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).
Morris Hosseini, Pharmaexperte bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger, hatte bereits zuvor vor möglichen Engpässen gewarnt. Zwar sei die Provinz Hubei mit der Hauptstadt Wuhan nicht der einzige, aber ein maßgeblicher Standort für die Wirkstoffherstellung, sagte Hosseini. „Wenn sich die Situation in den chinesischen Produktionsstätten mittelfristig nicht entspannt, wird sich die Lage in Europa zuspitzen.“
Auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) prüft, ob uns Lieferengpässe aufgrund von Einschränkungen durch das Coronavirus drohen. Die Medikamentenengpässe könnten mit Zeitverzögerung eintreten, so Spahn. Container aus China seien rund vier Wochen nach Europa unterwegs. Der Gesundheitsminister forderte die EU-Kommission auf, Lösungsvorschläge zu unterbreiten.
Fast zeitgleich zum Sondertreffen der Gesundheitsminister in Brüssel hat der Bundestag ein Gesetz beschlossen, das Lieferengpässe eindämmen soll. Dazu werden Industrie und Handel künftig verpflichtet, Lagerbestände, Warenflüsse und drohende Engpässe wichtiger Arzneimittel an die Behörden zu melden. Außerdem kann der Bund nun verlangen, dass Hersteller und Großhändler bestimmte Medikamente auf Vorrat bereithalten. Ein Beirat beim BfArM soll in Zukunft ein Auge auf die Versorgungslage werfen. Hier sollen auch Pharmafirmen und Apotheker mitmischen.
Deren größter Kritikpunkt an der bisherigen Rechtslage bleibt mit dem neuen Gesetz jedoch fast unangetastet: die umstrittenen Rabattverträge. Die gesetzlichen Krankenkassen schließen mit einzelnen Herstellern Exklusivverträge und bekommen dafür Rabatte. Apotheker dürfen dann nur noch Medikamente jener Hersteller abgeben, die einen entsprechenden Rabattvertrag mit der Krankenkasse des jeweiligen Kunden haben. Die Kassen sparen Geld, doch der Preisdruck steigt, so die Kritik der Pharma- und Apothekerverbände. Auch darum ließen viele Pharmahersteller ihre Produkte in Fernost herstellen. Arzneimittelhersteller beziehen laut einer Umfrage der Pharmaindustrie Wirkstoffe für verschreibungspflichtige Medikamente zu etwa 42 Prozent von außerhalb Europas. Die EU diskutiere deshalb mit China und Indien über eine verlässliche Versorgung, sagte Andrzej Rys von der Generaldirektion Gesundheit der EU-Kommission.
Eine Option sei auch, die Produktion nach Europa zurückzuholen. Jens Spahn kündigte an, sich während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft dafür einzusetzen. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) fordert, die Exklusivregelungen bei den Rabattverträgen aufzuweichen und statt nur einem Hersteller mindestens drei zum Zug kommen zu lassen – inklusive Pflicht zur Berücksichtigung eines Unternehmens mit europäischer Produktion.
Während das neue Gesetz also keinen Systemwandel einleitet, soll es dem Patienten dennoch das Leben erleichtern: Kommt es bei Rabattmedikamenten zu Lieferschwierigkeiten, können Apotheken künftig auch teurere Arzneimittel mit gleichem Wirkstoff ausgeben, der Patient zahlt dafür nichts.
Für Apothekerin Ingrid Kaiser aus Freising sind Lieferengpässe an der Tagesordnung. Mögliche weitere Einschränkungen durch das Coronavirus bereiteten auch ihr Sorgen. Sie prophezeit: „Jetzt geht das große Hamstern los.“ Auch sie habe schon einen Antibiotikavorrat aufgebaut. SEVERIN HEIDRICH mit dpa und afp