Wiesbaden – Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus trifft die deutsche Konjunktur mitten in der Flaute. Weil das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal 2019 im Vergleich zum Vorquartal stagnierte, geht Europas größte Volkswirtschaft ohne nennenswerten Rückenwind ins laufende Jahr. Die Hoffnung auf eine rasche Konjunkturerholung schwindet.
„Deutschlands stärkste Trumpfkarte hat sich zum Schwachpunkt entwickelt: Die Offenheit und Abhängigkeit von Exporten und dem globalen Handel“, erläuterte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland. Mit einem Konjunkturabsturz rechnen Ökonomen aktuell allerdings nicht.
Bereits im vergangenen Jahr bremste der Export belastet von internationalen Handelskonflikten und der Abkühlung der Weltwirtschaft die Konjunkturentwicklung. Zum Ende des Jahres 2019 ging der deutschen Wirtschaft die Puste aus. Im vierten Quartal stagnierte das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorquartal. Gestützt wurde die Konjunktur im Zeitraum Oktober bis Dezember von den boomenden Bauinvestitionen. Der Konsum – zuletzt häufig der Konjunkturmotor – verlor dagegen deutlich an Dynamik. Die privaten Konsumausgaben stagnierten zum Jahresende, der Staat erhöhte seine Konsumausgaben nur leicht um 0,3 Prozent. Sinkende Exporte dämpften die Entwicklung.
Im Gesamtjahr wuchs die deutsche Wirtschaft um 0,6 Prozent. Das war deutlich weniger als jeweils in den beiden Vorjahren. Ähnlich schwach wie 2019 war das Wachstum zuletzt 2013.
Die Ausbreitung des Coronavirus könnte Volkswirten zufolge die erhoffte Konjunkturerholung in diesem Jahr verzögern. Einige rechnen mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal, andere mit einer erneuten Stagnation im Vergleich zum Vorquartal.
Sorgen bereitet vor allem die Entwicklung in China, wo das Virus Sars-CoV-2 zuerst ausgebrochen war. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist ein wichtiger Absatzmarkt für Produkte „Made in Germany“. Zugleich werden in dem Land Teile für die Produktion in Deutschland hergestellt (siehe Bericht unten).
Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer dürfte das Virus die Industrierezession in Deutschland um ein paar Monate verlängern. Das erste Quartal werde in China schlecht ausfallen. „Es ist gut möglich, dass dies das deutsche Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal wegen sinkender Exporte und fehlender Zulieferungen schrumpfen lässt.“
KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib rechnet damit, dass sich die wirtschaftliche Stagnation in Deutschland zunächst fortsetzt. Sollte die Corona-Epidemie länger andauern und auch andere Weltregionen stärker in Mitleidenschaft ziehen, würden allerdings gravierende Auswirkungen unter anderem auf den Außenhandel wahrscheinlicher. „Die Situation in Italien macht mir deshalb Sorgen.“
Die öffentlichen Kassen sind trotz der Konjunkturschwäche gut gefüllt. Dank der weiterhin guten Lage auf dem Arbeitsmarkt sprudelten Sozialabgaben und Steuern im vergangenen Jahr kräftig und spülten Milliarden in die öffentlichen Kassen. Zugleich sorgte die vor allem in Deutschland umstrittene ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) für Entlastung. Wegen der niedrigen Zinsen kann sich der Staat günstiger verschulden.
Auf insgesamt 49,8 Milliarden Euro (Vorjahr: 62,4 Mrd.) bezifferte das Statistische Bundesamt den Überschuss von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen im vergangenen Jahr. Den höchsten Überschuss hatte den Angaben zufolge der Bund mit 20,1 Milliarden Euro.
Der Überschuss machte insgesamt 1,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, nach 1,9 Prozent im Vorjahr. Ein Defizit hatte Europas größte Volkswirtschaft zuletzt 2011 verbucht. Deutschland ist mit dem Überschuss weit entfernt von der Defizit-Grenze des Maastricht-Vertrages, in dem sich die Europäer ein Haushaltsdefizit von 3,0 Prozent der Wirtschaftsleistung erlauben.
Konsum verliert deutlich an Dynamik