Köln – Die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen in Deutschland hat nach einer IW-Studie in den vergangenen Jahren nicht weiter zugenommen. Seit dem Jahr 2005 schwanke die Ungleichheit in den verfügbaren Haushaltseinkommen auf einem nahezu unveränderten Niveau und sei nach aktueller Datenlage im Jahr 2017 auch nicht signifikant höher als im Jahr 2009. Das geht aus einer am Sonntag vorgelegten Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor. Auch die Verteilung des Nettovermögens stelle sich als bemerkenswert stabil heraus.
„Angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen der letzten Jahre ist dies als Erfolg zu werten“, schreiben die IW-Forscher. Kritisch seien weiter die relativ hohen Niedrigeinkommensquoten in Ostdeutschland und der Menschen mit einem Migrationshintergrund.
Zur Verteilung der Einkommen und Vermögen in Deutschland gibt es seit Jahren unterschiedliche Ansichten. Als weitgehend unstrittig gilt, dass bis zum Jahr 2005 die Ungleichheit stark zugenommen hatte. Über die Folgejahren herrscht dagegen Dissens. So hatte etwa das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in einer im Herbst 2019 vorgelegten Studie ermittelt, dass sich die Schere zwischen Wohlhabenden und unteren Einkommensgruppen in den vergangenen Jahren weiter geöffnet habe. Andere Ökonomen wie das IW sagen dagegen, dass sich das Niveau weitgehend stabilisiert habe.
Nach der IW-Studie sind die realen Haushaltseinkommen zwischen 1991 und 2017 im Schnitt um 20 Prozent gestiegen. Spätestens seit 2013 profitierten so gut wie alle Einkommensschichten davon. Allein zwischen 2013 und 2017 seien die durchschnittlichen und mittleren realen Haushaltseinkommen um rund 7 und 9 Prozent gestiegen. Aber auch die unteren 20 Prozent hätten reale Einkommenszuwächse verbucht. Als verfügbares Haushaltseinkommen wird das Geld bezeichnet, das tatsächlich jeden Monat ausgegeben werden kann. Das allgemeine Ungleichheitsniveau wird mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten gemessen. Dieser nimmt Werte zwischen „0“ und „1“ an – wobei „0“ bedeutet, dass alle gleich viel besitzen; bei einem Wert von „1“ besitzt eine einzelne Person alles. Seit dem Jahr 2005 ist die Ungleichheit der Einkommen laut dem IW relativ konstant bei vergleichsweise geringen 0,29 Punkten – und das, obwohl die Zuwanderung von Geflüchteten sich in den Daten widerspiegele.
Zwischen 2009 und 2017 haben der IW-Studie zufolge rund 60 Prozent der Menschen aus der untersten Einkommensgruppe den Aufstieg nach oben geschafft. „Seit dem Jahr 2013 beobachten wir relativ große Einkommenszuwächse, gerade im unteren und mittleren Bereich“, sagte IW-Verteilungsexperte Maximilian Stockhausen.
Es gebe jedoch weiter Handlungsbedarf: 16 Prozent der Menschen seien von relativer Einkommensarmut bedroht, hätten also weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung: „Der Wert hat sich in den vergangenen Jahren kaum mehr verändert“, heißt es.
Bei der Niedrigeinkommensquote bestünden große Unterschiede zwischen Ost und West und noch größere zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Weiterhin bildeten Erwerbs- und Arbeitslosigkeit das mit Abstand größte Niedrigeinkommensrisiko.
Zum Nettovermögen wird das tatsächliche Vermögen gezählt, also der Wert von Häusern, Autos oder Aktien abzüglich Schulden und Hypotheken.