„Das ist ein Wettrennen gegen die Zeit“

von Redaktion

INTERVIEW Bayerns IHK-Chef Gößl lobt Soforthilfen – und warnt vor einer Insolvenzwelle

Bund und Freistaat haben ein gewaltiges Hilfspaket für Unternehmen geschnürt. Sind Sie damit zufrieden?

Wir sind außerordentlich zufrieden mit dem Umfang der Maßnahmen und der Geschwindigkeit, mit der die Programme aufgelegt wurden.

Waren Sie in Bayern einbezogen?

Ja. Wir haben noch am vergangenen Freitag Vorschläge vorgelegt, die am Dienstag drauf als Sofortmaßnahmen verkündet wurden.

Was war Ihnen am wichtigsten?

Die zinsfreie Steuerstundung. Dann die Reaktivierung des Mittelstandschirmes, den es zu Zeiten der Finanzkrise schon einmal gab. Und drittens der Notfallfonds für Soloselbstständige und Einzelunternehmen. Schon übers Wochenende wurden die entsprechenden Anträge erarbeitet, die tags darauf online standen. Da hat ein Rad ins andere gegriffen.

Die Wirtschaftsverbände haben alles bekommen, was sie gefordert haben?

Ja, aktuell hat Bayern die richtigen Weichen gestellt. Gut ist, dass die Steuerstundung sogar bis Ende des Jahres gilt. Oder das Volumen des Mittelstandsfonds. Wir wollten 100 Millionen Euro pro Jahr, jetzt sind es 500 Millionen.

Wie läuft es in der Praxis?

Seit gestern sind alle Maßnahmen, inklusive LfA-Absicherungen in Kraft und können beantragt werden.

Wie lange dauert das?

Die Abwicklung über die Hausbank und die LfA sollte innerhalb einer Woche erledigt sein. Auch die Mittel aus dem bayerischen Soforthilfefonds müssen innerhalb weniger Tage an die Unternehmen fließen. Minister Aiwanger hat zugesagt, dass schon am Freitag die ersten Mittel ausgezahlt werden. Schneller geht es nicht. Und das muss auch so sein, denn: Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit. Jeder Tag zählt.

Nicht überall geht es so schnell, von Unternehmerseite hört man auch von wochenlangen Prozessen bei der Genehmigung.

Der Regelprozess mit einer Kredit-Genehmigung nach vier Wochen Prüfung – das geht in dieser Krise nicht. Jetzt muss sich die bundeseigene Förderbank KfW überlegen, wie man diesen Prozess in höchstens zwei Wochen hinbekommt. Klar, so eine Antragsflut gab es noch nie. Aber Zeit spielt hier so eine große Rolle, dass man alles versuchen muss.

Wie groß ist denn der Andrang?

Bei uns auf der Homepage hatten wir allein auf den Corona-Seiten nur am gestrigen Tag 33 500 Abrufe – vergangene Woche waren es noch 10 000. Dazu allein gestern rund 1000 persönliche Anfragen an die IHK. Das zeigt, wie drängend die Probleme sind.

Gerade kleine Unternehmen haben wenig Luft, um so etwas durchzustehen. Rechnen Sie mit einer Insolvenzwelle?

Bei allen Gastronomiebetrieben und Einzelhändlern, denen die Immobilie nicht selbst gehört, müssen wir davon ausgehen, dass es nach acht Wochen dramatisch wird. Ja, realistischerweise müssen wir mit einer Insolvenzwelle rechnen.

Wie kommen kleine Betriebe an die Soforthilfe?

Man kann den Antrag zum Beispiel auf der Webseite der IHK, der HWK, der vbw, beim Ministerium oder bei der Bezirksregierung abrufen. Er hat nur zwei Seiten, kann mit dem Handy abfotografiert und an die Bezirksregierung von Oberbayern oder die Landeshauptstadt München geschickt werden. Das Geld ist vom Freistaat bewilligt und sollte schnell überwiesen werden. Das hilft Kleinstunternehmen, die ersten Tage und Wochen zu überbrücken.

Was müsste die Politik jetzt noch tun?

Sie müsste vorübergehend die Insolvenzordnung ändern und für bestimmte Fälle die Insolvenzantragspflicht bis September aussetzen. Sonst machen sich in dieser Ausnahmesituation Firmenchefs der Insolvenzverschleppung schuldig – und weil Banken insolvenzgefährdeten Unternehmen gar kein Geld leihen dürften.

Interview: Corinna Maier

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