Frankfurt – Die Talfahrt an den Börsen hält an, nur unterbrochen von leichten Zwischenerholungen. Mittlerweile wird in Analystenkreisen debattiert, ob man die Aktienmärkte nicht für einige Zeit ganz schließen sollte und nicht nur wie an der Wall Street in New York den Handel nur kurzzeitig stoppt.
Das sei das einzige verbliebene Mittel, um einen Zusammenbruch der Märkte zu verhindern, denn Regierungen und Notenbanken hätten bereits alle Möglichkeiten ausgeschöpft, ist unter anderem zu hören. An der bislang weltweit einzigen Börse war in der philippinischen Hauptstadt Manila der Aktienhandel zu Wochenbeginn komplett geschlossen worden – allerdings nicht wegen der Talfahrt der Kurse, sondern um Händler und Angestellte vor Infektionen zu schützen. In den nächsten Tagen soll die Börse wiedereröffnet werden. In Deutschland ist eine Schließung des Wertpapierhandels keine Option. „Bei uns gibt es keine Überlegungen, den Handel einzustellen. Unsere Systeme laufen stabil und zuverlässig“, sagt ein Sprecher der Deutschen Börse gegenüber unserer Zeitung. Ein ordnungsgemäßer Handel sei sichergestellt.
Angeblich spielen manche Handelshäuser intern eine Schließung der weltweit wichtigsten Börsen durch. Der Sprecher der Deutschen Börse aber warnt. „Die Folge einer Schließung der Märkte wäre Intransparenz –- die Folge hiervon wäre noch größere Unsicherheit. Die Verwerfungen an den Märkten würden noch drastischer ausfallen.“ Denn Investoren und Anleger hätten dann keine Möglichkeit, über ihre Anlagen und damit ihr Geld zu verfügen. Auch Oliver Roth, Börsenchef bei Oddo Seydler und seit Jahrzehnten auf dem Börsenparkett aktiv, winkt ab. „Das ist völliger Blödsinn. Ich sehe darin überhaupt keinen Vorteil. Niemand ist gezwungen, in solchen Phasen Aktien zu verkaufen.“
Nach Angaben von Experten gibt es auch keine rechtliche Basis, um das Börsengeschehen allein wegen eines Crashs oder hoher Kursschwankungen auszusetzen. Ausnahmen wären eine technische Störung der Handelssysteme, kein störungsfreier Zugang zur Börse und den Systemen für alle Marktteilnehmer, technische Probleme bei der Abwicklung, Informationsungleichgewichte für die Handelsteilnehmer und Anleger sowie Hinweise auf Markt- und Kursmanipulation. „Keine dieser Voraussetzungen sind derzeit gegeben“, sagt der Sprecher der Deutschen Börse. Die Deutsche Börse praktiziert lediglich die sogenannte Volatilitätsunterbrechung und dies nur für einzelne Aktien. Gibt es zu starke Preissprünge, wird der fortlaufende Handel mit dem Papier für mindestens zwei Minuten in ein Auktionsverfahren überführt. Dies, so heißt es in Frankfurt, entschleunige den Handel, gebe den Akteuren Zeit zur Orientierung und verhindere, dass der Markt in eine Richtung laufe. Das Verfahren habe sich sowohl in der Finanzkrise 2008 und nach der Entscheidung über den Brexit im Juni 2016 bewährt. Roth könnte sich allenfalls vorstellen, dass man dieses Verfahren in kritischen Phasen auf den gesamten Handel ausdehnt.
ROLF OBERTREIS