München – Die Ausschläge sind gewaltig – nach oben und unten. Die Aktienkurse signalisieren derzeit nur eines: hochgradige Nervosität. Zunächst setzte der deutsche Leitindex Dax gestern seinen Erholungskurs vom Vortag fort. Um 10.28 Uhr lag das deutsche Börsenbarometer über 10 131 Punkten und hätte innerhalb von fünf Tagen vom tiefsten Einbruch her gerechnet mehr als 21 Prozent zugelegt. Doch dann drehte der Wind. Der Dax stürzte zunächst steil ab und schaffte es erst in der letzten halben Stunde wieder in den grünen Bereich. Er verzeichnete ein Plus von 1,79 Prozent auf 9874,26 Punkte.
Auslöser des Sturzes war der ifo-Geschäftsklimaindex. Der wichtige Konjunkturindikator ist von 96 Punkten im Februar auf 86,1 Punkte gefallen, teilte das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut mit. Das sei der stärkste Rückgang seit der deutschen Wiedervereinigung. Das ließ das beispiellose Zwei-Billionen-Dollar- Konjunkturpaket der USA erst einmal verblassen. „Die deutsche Wirtschaft steht unter Schock“, sagte ifo-Präsident Clemens Fuest.
Die Entwicklung bleibt eine anhaltende Zitterpartie. Fallen die Kurse, trauen sich Mutige aus der Deckung und kaufen. Die Kurse steigen. Nun aber kommen die Ängstlichen, die ihre Verluste begrenzen wollen. Verkäufe lassen die Kurse fallen. Jede Nachricht kann die Stimmung drehen. Das sind Zeiten, in denen es schwer ist, Orientierung zu finden. Analysten bleiben zurückhaltend. Denn jeder mutige Hinweis auf Kaufkurse kann binnen Sekunden durch die Entwicklung überholt sein.
So dominieren derzeit die Ökonomen. Sie sind aber ebenfalls uneins. Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe glaubt, dass der Trend lange anhalten kann. Die Krise unterschiede sich vom Konjunktureinbruch nach der Lehmann-Pleite darin, „dass das öffentliche Leben seinerzeit trotz der Bankenkrise weiter stattfand und Konsum möglich war“.
Dagegen hoffen die sogenannten Wirtschaftsweisen auf eine rasche und steile Erholung. „Das wahrscheinlichste Szenario aus Sicht des Sachverständigenrates ist im Moment ein V-Szenario“, sagte Lars Feld, der Vorsitzende des Gremiums. Das ist die Erwartung, dass auf den steilen Einbruch eine steile Erholung folgt. Eine Einschränkung machte Feld: „Viel hängt am Ende auch davon ab, dass wir schnell wieder aus der Krise herauskommen.“
Nur in diesem Punkt stimmt Krüger zu: „Klar ist, dass jedwede Verlängerung der Schutzmaßnahmen das Konjunkturtal vertieft.“ Er rechnet mit einer Stabilisierung im dritten Quartal durch die Staatshilfen. „Eine V-förmige Konjunkturerholung dürfte sich anschließend nicht einstellen, da Produktions- und Umsatzausfälle nun mal nicht vollumfänglich nachgeholt werden können“, widerspricht er Feld.
Immerhin sind die Kassen deutscher Börsenschwergewichte der Beratungs- und Prüfungsgesellschaft EY zufolge gut gefüllt. Zum Ende des Jahres 2019 lagen die liquiden Mittel demnach bei 99,4 Milliarden Euro. Vor allem die Unternehmen aus der Automobilindustrie hätten erhebliche Summen in Reserve. Das könnte dazu führen, dass die Unternehmen alles tun, um ihre Mitarbeiter an Bord zu halten. „Nur mit einer möglichst vollzähligen Belegschaft können die Unternehmen von der wirtschaftlichen Erholung profitieren, die auf die aktuelle Krise folgen wird“, sagt Mathieu Mayer, Mitglied der EY-Geschäftsführung Deutschland
In den USA können Arbeitnehmer mit der Erhaltung ihrer Jobs nicht rechnen. Heute werden die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe veröffentlicht. Diese dürften nach Einschätzung der Commerzbank-Ökonomen Christoph Balz und Bernd Weidensteiner einen „noch nie dagewesenen Anstieg“ bringen. „Wir rechnen mit etwa drei Millionen Anträgen“, schreiben sie. „Das wäre eine Verzehnfachung gegenüber der Vorwoche.“ Es könnte aber sein, dass das die Börsen weitgehend unbeeindruckt lässt. Denn die US-Investmentbank Goldman Sachs hatte schon Ende letzter Woche eine Verachtfachung prognostiziert. Möglicherweise ist die Horrorzahl in den Kursen bereits eingepreist. Mit Material von dpa und afp