München – Das Vorstandsbeben bei ProSiebenSat.1 ist eskaliert: Die Mediengruppe aus Unterföhring (Landkreis München) erlaubt sich mitten in der Corona-Krise den Rauswurf ihrer Führungsspitze. Nachdem erst vor zwei Wochen das Ausscheiden von Konzernvize Conrad Albert verkündet wurde, hat der Aufsichtsrat von ProSiebenSat.1 nun auch den Vorstandsvorsitzenden Max Conze gefeuert. Conze werde das Unternehmen mit sofortiger Wirkung verlassen, teilte das Unternehmen ohne Begründung mit. Auch auf Nachfragen schweigt man eisern.
Zum neuen Sprecher des Vorstands, nicht aber zu dessen Vorsitzenden, hat Aufsichtsratschef Werner Brandt Finanzchef Rainer Beaujean bestimmt. Dem Köpferollen vorausgegangen waren monatelange Machtkämpfe im Topmanagement, bei denen Conze schlechte Personalführung und strategische Defizite angelastet wurden. Der 50-Jährige hatte vor ProSiebenSat.1 beim Staubsaugerhersteller Dyson gemanagt und war vor knapp zwei Jahren branchenfremd an die Spitze der TV-Gruppe gestoßen. Das gilt auch für Beaujean, der vergangenen Sommer vom Verpackungsspezialisten Gerresheimer zum Medienkonzern gekommen war. Neu in den Vorstand berufen werden nun der für das TV-Kerngeschäft zuständige Wolfgang Link und Personalchefin Christine Scheffler.
„Ich habe volles Vertrauen in das neue Vorstandsteam“, versichert Brandt. Der ehemalige SAP-Vorstand ist allerdings selbst in Aktionärskreisen umstritten. Der neuen ProSiebenSat.1-Führung gibt er zugleich einen Strategiewechsel mit auf den Weg. Die seit Monaten unter Druck geratene TV-Gruppe werde sich ab sofort wieder stärker auf Unterhaltung konzentrieren und bestehende Beteiligungen „zu gegebener Zeit“ veräußern, so der Konzern.
In der Tochter NuCom hat ProSiebenSat.1 vor allem eine Reihe von Datingplattformen wie Parship gebündelt, die auf den TV-Sendern der Gruppe wertsteigernd beworben werden. Mit dieser Säule des Geschäfts wollte sich ProSiebenSat.1 unabhängiger vom Fernsehgeschäft machen, das durch Streamingdienste wie Netflix angegriffen wird. Mit dieser Zweigleisigkeit ist nun offenbar Schluss.
Im Fokus steht ab sofort wieder Fernsehen in seiner linearen aber auch digitalen Form. Dazu hat ProSiebenSat.1 zuletzt die Streamingplattform Joyn aus der Taufe gehoben, auf der man auch mit ARD und ZDF kooperiert. Deren Reichweite soll nun ausgebaut werden. „Dieses Unternehmen hat weit mehr Potenzial als ihm derzeit extern beigemessen wird“, erklärte Beaujean.
Ob damit das letzte Wort schon gesprochen ist, ist fraglich. Denn mitten in der Corona-Krise hat der italienische Mediaset-Konzern der Berlusconi-Familie seine Beteiligung an ProSieben von 15 auf 20 Prozent aufgestockt. Das gilt auch für eine zweite Aktionärsgruppe um den tschechischen Investor Daniel Kretinsky, die ihre Anteile von fünf auf zehn Prozent ausgebaut hat. Gemeinsam gehen die beiden Investoren offenbar nicht vor.
Kretinsky stehe hinter der aktuellen Strategie von ProSiebenSat.1, heißt es in Unterföhring. Mit der Berlusconi-eigenen Mediaset gibt es dagegen seit vergangenem November keinen offiziellen Kontakt mehr. Bekannt ist: Die Italiener planen eine europäische TV-Holding, in die auch ProSiebenSat.1 eingebaut werden könnten. tmh