„Wir verlieren 185 Millionen Euro pro Tag“

von Redaktion

INTERVIEW Ernst Läuger, Präsident des bayerischen Handelsverbands, über Wege aus der Krise

Vielen Einzelhändlern in Bayern geht das Geld aus: Wegen der Ausbreitung des Coronavirus mussten die Läden schließen, die Umsätze sind weggebrochen. Ernst Läuger beobachtet das in seinem eigenen Betrieb – Läuger ist Inhaber und Chef des Münchner Lederfachgeschäfts Marstaller. Als Präsident des Handelsverbands Bayern bekommt er zudem Rückmeldungen von vielen Händlern im Freistaat, und die Lage spitzt sich dort immer mehr zu. Wir sprachen mit Läuger über Möglichkeiten, Insolvenzen zu verhindern.

Die Corona-Pandemie hat den Einzelhandel in eine tiefe Krise gestürzt: Das öffentliche Leben ist zum Stillstand gekommen, die Läden sind zu. Haben Bund und Freistaat mit ihrem Lockdown überreagiert?

Nein, ganz im Gegenteil. Wir stehen als Einzelhandelsverband voll und ganz hinter den Entscheidungen. Verursacht ist die Krise ja durch das Coronavirus. Allerdings muss man auch sagen: Für die Reaktionen auf das Virus sind die Regierenden verantwortlich. Das heißt: Wenn der Staat das öffentliche und wirtschaftliche Leben einschränkt, ist er auch dafür verantwortlich, diese Schäden zu begrenzen.

Welche Schäden beobachten Sie?

Seit dem 18. März ist die Situation in Bayern überall die gleiche – egal ob in Ballungszentren oder auf dem Land und egal, ob es sich um große oder kleine Geschäfte handelt. Seit dem 18. März machen wir null Euro Umsatz. Zwar mag der ein oder andere Einzelhändler zusätzlich über das Internet verkaufen, das reicht aber bei Weitem nicht aus, um den Verlust auf der anderen Seite zu kompensieren. Abgesehen von Lebensmitteln halten sich die Menschen gerade generell im Konsum zurück.

Von welchen Zahlen sprechen wir?

Der Teilbereich des Einzelhandels in Bayern, der nichts mit Lebensmitteln zu tun hat, verliert momentan jede Woche Umsatz in Höhe von 1,1 Milliarden Euro – das sind 185 Millionen Euro pro Tag.

Welche Branchen trifft es besonders?

Händler von Möbeln oder Weißware können zumindest darauf hoffen, dass die Käufe, die jetzt nicht gemacht werden, zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Anders sieht es im Textileinzelhandel oder bei Schuhgeschäften aus. Dort liegen die Frühjahrskollektionen auf Lager. Und je länger die Schließungen andauern, desto uninteressanter wird die Ware für die Kunden. Die Liquidität bei den Händlern ist inzwischen extrem angespannt.

Bund und Freistaat versuchen, mit milliardenschweren Hilfspaketen gegenzusteuern. Notkredite, Kurzarbeit und Steuerstundungen sollen die Händler vor der Pleite schützen. Hilft das nicht?

Bei der Kurzarbeit muss man wissen, dass es sich dabei nicht um spezielle Hilfsmaßnahmen handelt. Es geht hier um Geld, dass den Arbeitnehmern jeden Monat vom Lohn abgezogen und bei den Sozialversicherungen angespart wurde. Das steht den Arbeitnehmern zu.

Wie viele Menschen sind im Einzelhandel von Kurzarbeit betroffen?

Wir schätzen, dass in Bayern im April 180 000 Beschäftigte in Kurzarbeit gehen werden. Das führt zu riesigen sozialen Verwerfungen. Daher wäre es eine enorme Hilfe, wenn der Staat das Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent des Nettolohns aufstocken würde oder eine Regelung fände, dass diese Menschen ihre Miete nicht bezahlen müssen.

Greifen die anderen beschlossenen Maßnahmen?

Das lässt sich noch nicht beurteilen. Die Soforthilfen scheinen in Bayern gut anzulaufen. Bei anderen Maßnahmen sind Zweifel angebracht. Wir bekommen von Händlern gemeldet, dass die Hürden bei Krediten, für die der Staat bürgt, so hoch sind, dass sie in den kommenden vier Wochen nicht zum Greifen kommen. Die Rettung des bayerischen Einzelhandels darf aber nicht an der Bürokratie scheitern.

Hielten sie es für sinnvoll, dass der Staat die Vermieter von Gewerbeimmobilien dazu zwingt, auf Mieten zu verzichten?

Die gute Nachricht ist, dass es viele Vermieter gibt, die den Händlern entgegenkommen. Leider muss ich aber auch sagen, dass sich viele Vermieter sehr unsolidarisch zeigen. An diese Vermieter kann ich nur appellieren, den Händlern unter die Arme zu greifen. Dieses Problem muss aber nicht der Staat lösen, hier müssen sich die Vermieter solidarisch zeigen.

Was müsste der Staat tun?

Was wir brauchen, ist ein großer Steuererlass für die deutsche Wirtschaft. Die beschlossenen Stundungen von Steuern helfen nur kurzfristig. Zwar sagen die Wirtschaftsweisen schon wieder einen steilen Aufschwung voraus – für den Einzelhandel wird das aber nicht gelten. Diese Krise wird so schnell nicht enden.

Gibt es in dieser Flut von schlechten Nachrichten aus Ihrer Branche auch Meldungen, die Ihnen Hoffnungen machen?

Ja, die gibt es zum Glück. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gehen momentan extrem solidarisch mit ihren Arbeitgebern um. Selbst die Gewerkschaften ziehen mit an einem Strang, das ist schon bemerkenswert. Und ich höre von vielen Händlern, die versuchen, ihre Beschäftigten zu halten. Viele legen beim Kurzarbeitergeld noch was drauf oder versuchen, gar nicht erst in Kurzarbeit zu gehen. Diesen Solidaritätsgedanken, der gerade in allen Bevölkerungs- und Altersschichten zu beobachten ist, den sehen wir auch im Einzelhandel.

Interview: Sebastian Hölzle

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