Berlin – Die Corona-Pandemie stürzt die Bundesrepublik in eine der schlimmsten Rezessionen ihrer Geschichte. Weil sie aber eine im Kern gesunde Ökonomie trifft, hält der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung aus aktueller Sicht eine schnelle und nachhaltige Erholung für wahrscheinlich. Es gebe „keine massiven strukturellen Verwerfungen“, sagte Volker Wieland, einer der drei Top-Ökonomen des Beratergremiums der Bundesregierung. „Es ist nicht wie in einem Krieg, wo der Kapitalstock zerbombt wäre und die Arbeiter an der Front sind.“
Die häufig als Wirtschaftsweise bezeichneten Experten wandten sich gegen Horrorszenarien mit einem möglichen zweistelligen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts und dauerhaften erheblichen Folgen. Allerdings räumt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ein: präzise Vorhersagen sind derzeit wegen der großen Unsicherheit kaum möglich.
Der Corona-Schock treffe die Wirtschaft „ins Mark“, heißt es in dem Gutachten – zumal Europas größte Volkswirtschaft zuvor bereits nach mehreren Boomjahren in einen Abschwung geraten war. Als derzeit wahrscheinlichstes Szenario unterstellt der Rat einen fünfwöchigen Shutdown und eine anschließende kurze Erholungsphase. Für diesen Fall würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands 2020 um 2,8 Prozent schrumpfen, um im folgenden Jahr gleich wieder um 3,7 Prozent zuzulegen.
Im schlimmeren Szenario nach einem längeren Shutdown wäre aus Sicht der Wirtschaftsweisen ein tieferer Einbruch 2020 in der Größenordnung von 5,4 Prozent denkbar. Sollten die gesundheitspolitischen Maßnahmen sogar über den Sommer hinaus andauern, würde sich die wirtschaftliche Erholung erst im Jahr 2021 einstellen. „Die getroffenen Politikmaßnahmen reichen dann womöglich nicht aus, tiefgreifende Beeinträchtigungen der Wirtschaftsstruktur zu verhindern.“
Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft sind aus Sicht der Wirtschaftsweisen unausweichlich. Man dürfe jetzt nicht Wirtschaft und Gesundheit gegeneinander aufrechnen, sagte der Vorsitzende des Expertengremiums, Lars Feld. „Die Einsicht des Einzelnen ist sehr wichtig in dieser Situation.“
US-Präsident Donald Trump hatte erst in der vorigen Woche gewarnt, dass die wirtschaftlichen Folgen der Bekämpfung der Coronavirus-Epidemie „ein Land zerstören“ könnten. Die weitgehende Stilllegung des öffentlichen Lebens und die Schließung von Geschäften sei für die Wirtschaft verheerend, hatte Trump erklärt.
Felds Kollege Wieland sagte dazu: „Ich sehe nicht, welche Alternative es gegeben hätte, ich halte das auch für zynisch.“ Das Krisenpaket der Bundesregierung mit gewaltigen Hilfen zur Rettung von Arbeitsplätzen und Unternehmen, Unterstützung von Krankenhäusern sowie zur Sicherung von Lebensunterhalt und Wohnung bewerten die Experten als angemessen.
Voraussetzung für einen Aufschwung ist die Normalisierung des sozialen und wirtschaftlichen Lebens.“ Die Sachverständigen appellieren an die Bundesregierung, bereits jetzt über ein „Ausstiegsszenario“ für die Zeit nach dem Stillstand nachzudenken. Dies wäre nun dringend zu entwickeln, um in der Öffentlichkeit Vertrauen zu wecken, „dass das gut gehen kann“, sagte Wieland. Im Gutachten ist die Rede von einer „Normalisierungsstrategie“. Die Politik müsse vor allem eins: klar kommunizieren – sprich: den Leuten reinen Wein einschenken. Für ein Konjunkturpaket ist es nach Einschätzung des Rates aber noch zu früh.