Wie geht es weiter an der Börse? Welche Branchen sind in Gefahr? Ist die Lockerungspolitik richtig? Über die Folgen der Pandemie für die Wirtschaft und die Kapitalmärkte sprachen wir mit Martin Lück. Er gilt hierzulande als einer der besten Kenner des Kapital- und Aktienmarktes.
Wie beurteilen Sie die von der Bundesregierung und den Ländern verkündeten Maßnahmen zur Lockerung der Corona-Beschränkungen?
Es ein sehr vorsichtiger Versuch, nach und nach wieder den Einstieg in die Normalität zu wagen. Grundsätzlich ist es richtig, mit Bedacht vorzugehen. Wir müssen mit der Zunahme der Neuinfizierten möglichst weit herunterkommen, um nicht gezwungen zu sein, den Lockdown wieder hochzufahren und damit die Wirtschaft erneut zu bremsen, um einzelne Infektionen zurückverfolgen zu können. Die neuen Fallzahlen sollten auf einige Hundert sinken. Südkorea zeigt, dass eine Wirtschaft dann relativ normal laufen kann, ohne dass die Infektionswelle wieder ansteigt.
Was bedeutet das für die Kapitalmärkte?
Die Belastung der Wirtschaft wird weiter andauern, bevor das Wirtschaftsleben, der Handel und die Produktion wirklich wieder zur Normalität zurückkehren können. Noch ist nicht klar, wie hoch – abgesehen vom menschlichen Leid – der ökonomische Schaden sein wird. Möglicherweise waren Kapitalmarktteilnehmer am Mittwoch enttäuscht, weil sie sich weitergehende Schritte erhofft hatten.
Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage? Der Internationale Währungsfonds (IWF) befürchtet die größte Krise seit der großen Depression in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts.
Wir werden eine sehr, sehr tiefe Rezession erleben. Sie hat schon begonnen. Die Frage ist, wie lange der Einschnitt andauert. Wenn wir relativ schnell zu normalen wirtschaftlichen Verhältnissen zurückkehren – was ideal wäre –, dann wird die Gefahr von Folgeschäden, also etwa eine Pleitewelle, geringer. Deutlich schlimmer wäre, wenn wir eine sehr schwache Erholung mit einer flachen oder sich gar seitwärts bewegenden Linie sähen, statt einer U-förmigen Entwicklung. Die Folgeschäden könnten dann dramatisch sein.
Welche Branchen trifft es am heftigsten? Muss sich der Staat an Unternehmen beteiligen?
Alles, was mit Reisen und Touristik zu tun hat, ist massiv betroffen: Airlines, Hotels, Reiseveranstalter, Gastronomie. Wir werden Beteiligungen des Staates sehen, auch wenn das ordnungspolitisch vielleicht nicht unbedingt erwünscht ist. Sie müssen nicht dauerhaft sein. Aber der Schaden wäre wohl jedenfalls geringer, als wenn eigentlich gut aufgestellte Unternehmen in die Pleite rutschten oder aufgekauft würden.
Wie beurteilen Sie die Lage der Banken? Drohen massive Kreditausfälle?
Wir sehen bereits bei den großen US-Banken in den Berichten für das erste Quartal, dass die Rückstellungen für Kredite massiv erhöht wurden. Das belastet den Gewinn. Banken, die weniger Wasser unter dem Kiel haben, könnten Probleme bekommen. Die Gefahr sehe ich. Das hängt maßgeblich davon ab, wie schnell wir aus der Krise kommen und ob Kreditausfälle und Pleiten im großen Stil verhindert werden können. Wenn das nicht gelingt, ist auch eine neue Bankenkrise nicht ausgeschlossen.
Sind die Rettungspakete von Regierungen und Notenbanken ausreichend?
Es ist zu früh, das wirklich zu beurteilen. Auch das hängt davon ab, wie schnell die Krise überwunden werden kann. Gut ist, dass man so rasch und in so großem Stil reagiert hat. Das Geld muss jetzt schnell bei den betroffenen Unternehmen, Handwerkern, Selbstständigen und Freiberuflern ankommen.
Die Aktienmärkte haben sich im April deutlich erholt. Ist das Schlimmste überstanden?
Das kann man nicht wirklich sagen. Wir hatten im März einen beispiellosen Einbruch beim Dax um fast 40 Prozent in wenigen Tagen. Der Markt hat sich dann durch die Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken stabilisiert. Seitdem reagieren Anleger deutlich rationaler. Aber auch die Börse hängt daran, wie lange die Wirtschaft noch eingeschränkt laufen wird. Vermutlich werden wir in nächster Zeit eine Seitwärtsbewegung mit deutlichen Schwankungen der Kurse erleben. Optimismus wird sich mit Pessimismus abwechseln. Es kann mal zehn bis 15 Prozent nach oben gehen und dann wieder ähnlich stark nach unten.
Sind wir an einem Punkt, an dem sich der Einstieg wieder lohnt?
Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kurse in einem Jahr tiefer stehen als heute. Die Gefahr besteht. Aber Aktien sind ein langfristiges Anlage-Instrument. Der Börsenindex S&P 500 in den USA hat seit der Finanzkrise 2009 bis zum Februar 2020 rund 450 Prozent zugelegt, beim Dax waren es immerhin rund 270 Prozent. Corona hat natürlich einen scharfen Einbruch gebracht, aber wer 2009 eingestiegen ist, liegt aktuell immer noch deutlich im Plus. Wenn ich auf Sicht der nächsten zwei Jahre oder länger investieren möchte, ist jetzt also vermutlich ein guter Zeitpunkt, Aktien zu kaufen. Vor allem für Privatanleger kann es interessant sein, regelmäßig mit festen Beträgen zu investieren. Spätestens wenn flächendeckend ein Impfstoff zur Verfügung steht, könnten Aktien eine positive Kehrtwende erleben.
Finden Sie es richtig, dass Konzerne die Dividenden streichen oder die Auszahlung verschieben?
Das wird kaum zu vermeiden sein. Unternehmen, die Staatshilfe beanspruchen, können schlecht Dividenden zahlen. Das wäre der breiten Öffentlichkeit schwer zu vermitteln. Aber auch andere könnten zunächst ihre Liquidität stärken und die Auszahlung zumindest verschieben. Die Zinsen dürften auf Jahre im Keller bleiben. Eher werden die Notenbanken noch mehr Geld zur Überwindung der Pandemie-Folgen locker machen. Auf der einen Seite brauchen die Staaten Billionen für ihre Hilfsprogramme. Das müssen sie sich über Anleihen an den Kapitalmärkten leihen. Das spricht eigentlich für steigende Zinsen. Andererseits pumpen die Notenbanken Billionen in die Wirtschaft, um die Krise zu bekämpfen, viel massiver als in der Finanzkrise 2008, und Anleger suchen nach attraktiven Anlagemöglichkeiten. Am Ende könnte sich beides gegenseitig aufheben, sodass die Zinsen noch lange niedrig bleiben. Auch deshalb bleiben Aktien attraktiv.
Ist Gold in diesen Zeiten für Anleger eine Option?
In Zeiten massiver Schwankungen an den Finanzmärkten ist Gold ein möglicher Volatilitätsdämpfer. Auch Befürchtungen vor einer möglicherweise wieder aufkommenden Inflation veranlassen Anleger vermutlich, das Edelmetall zu kaufen. Gold kann das Portfolio zu einem gewissen Maß stabilisieren und absichern. Der Goldpreis dürfte deshalb weiter steigen.
Die globale Wirtschaft und die Finanzmärkte werden mit Finanzspritzen gestützt wie nie zuvor in der Geschichte. Droht eine massive Inflation?
Auch das hängt stark davon ab, wie schnell und in welcher Form die Corona-Pandemie überwunden werden kann. Zieht die Nachfrage schnell wieder an, dann werden wir zumindest kurzfristig eine höhere Inflation sehen, möglicherweise auch weil die Löhne wieder steigen. Aber bleibt die Wirtschaftsaktivität lange gedämpft und die Nachfrage schwach, dürfte auch die Inflation nur allmählich steigen. Möglicherweise erleben wir in diesem Fall sogar eine Phase der Deflation.
Interview: Rolf Obertreis