Schon im Mai könnte das Geld knapp werden

von Redaktion

Bei der Lufthansa rücken Staatshilfen immer näher. Womöglich fällt schon in der kommenden Woche eine Entscheidung. Schlanker wird die Airline auf jeden Fall aus der Krise kommen: 10 000 Arbeitsplätze sollen wegfallen.

VON ROLF OBERTREIS

Frankfurt – Lufthansa-Chef Carsten Spohr rechnet mit einem Abbau von 10 000 Jobs in der Corona-Krise. Die Flotte werde um etwa 100 Flugzeuge schrumpfen, sagte der Vorstandsvorsitzende in einer internen Botschaft an die Mitarbeiter. Vor Ausbruch der Pandemie hatte der größte Luftverkehrskonzern Europas weltweit rund 130 000 Mitarbeiter und 760 Flugzeuge.

Noch halten manche Analysten zu der deutschen Airline und sehen die Aktie der Lufthansa demnächst auf mehr als 13 Euro steigen. Andere sagen einen Absturz auf nur noch zwei Euro voraus. Schließlich ist die Lage dramatisch. Am Donnerstagabend hatte die Airline für das erste Quartal einen Betriebsverlust von 1,2 Milliarden Euro gemeldet und für das zweite Vierteljahr ein noch höheres Minus angekündigt. Erst dann werden die Folgen der Corona-Pandemie und die Einstellung von mehr als 95 Prozent ihrer eigentlich geplanten Flüge voll durchschlagen. Die Aktie rutschte am Freitag um weitere achtProzent auf 7,20 Euro ab. Es ist der tiefste Stand seit Anfang des Jahrtausends bei der letzten schweren Krise.

Diesmal wird es nur gelingen, das Tief zu überwinden, wenn der Konzern, in welcher Form auch immer, öffentliche Hilfe erhält – in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich und in Belgien, wo die Lufthansa-Töchter Swiss, Austrian und Brussels angesiedelt sind. Schon Anfang nächster Woche dürfte es so weit sein. Der Vorstand der Airline selbst spricht von intensiven Verhandlungen mit den jeweiligen Regierungen „hinsichtlich verschiedener Finanzierungsinstrumente“. Die Führungsriege ist zuversichtlich, sie erfolgreich abschließen zu können.

Zwar verfügt Lufthansa aktuell noch über liquide Mittel von auf den ersten Blick stattlichen 4,4 Milliarden Euro. Der Vorstand erwartet allerdings ein schnelles Abschmelzen. Schon im Mai könnte das Geld ausgehen. Gründe: der schlechte Geschäftsausblick, Außenstände und Forderungen, die bedient werden müssen – an Lieferanten, an Kunden, weil ihre Flüge storniert wurden – und für die Bedienung der Schulden. Man rechne nicht damit, diesen Bedarf durch weitere Mittelaufnahmen am Kapitalmarkt decken zu können. Das Rating haben Agenturen bereits gesenkt mit der Option einer weiteren Abstufung. Beobachter erwarten für 2020 einen Kapitalbedarf von bis zu zehn Milliarden Euro – es fehlen also sechs Milliarden.

Im ersten Quartal schrumpfte der Umsatz um 18 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro. Viel deutlicher wird die Situation aber durch die Märzzahlen. Da brach der Umsatz um 1,4 Milliarden Euro oder fast die Hälfte ein. Man verliere jede Stunde an jedem Tag eine Million Euro an Umsatz, umschrieb Vorstandschef Carsten Spohr Ende März die Lage. Statt 350 000 Passagiere wie zu normalen Zeiten steigen täglich nur noch rund 3000 Fluggäste in die Jets mit dem Kranich. Dazu kommen durch die Krise bedingte Wertminderungen der Vermögenswerte – also vor allem der 760 Jets, von denen die Lufthansa 700 geparkt hat. Spohr nannte für die Flugzeuge einen Wert von zehn Milliarden Euro, die man als Sicherheit einsetzen könne. Andererseits aber sind weltweit zehntausende von Flugzeugen abgestellt. Nach der Krise werden vermutlich erst mal viel weniger gebraucht. Das drückt den Wert der Jets.

Nachdem die Lufthansa jetzt die Rückholflüge im Auftrag der Regierung und von Reiseveranstaltern weitgehend abgeschlossen hat wird der Flugplan noch dünner. Nur noch 40 Mal pro Woche heben Jets des Konzerns in Frankfurt, München und Zürich ab.

Auch ist zweifelhaft, ob nach der Krise eine Lufthansa in der aktuellen Form noch gebraucht wird. Das hängt davon ab, wie sich der bislang lukrative Geschäftsreiseverkehr entwickelt. Möglicherweise setzen Unternehmen verstärkt auf Telefon- und Videokonferenzen.

Der Welt-Airline-Verband IATA erwartet das Ende von Reisebeschränkungen frühestens in drei Monaten. „Die Aussichten für die Industrie werden jeden Tag dunkler“, sagte IATA-Chef Alexandre de Juniac.

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