München – Die Münchner TV-Gruppe ProSiebenSat1 steht vor einer ungewissen Zukunft. Das liegt nur zum Teil an der Pandemie, die weite Teile der Wirtschaft hart trifft. Denn der Konzern hat jüngst nicht nur seine beiden Topmanager Max Conze (Chef) und Conrad Albert (Vizechef) vor die Tür gesetzt und sich einen Strategieschwenk verordnet, sondern auch einen immer stärker werdenden Großaktionär erhalten, der in der deutschen Politik zu früheren Zeiten schon einmal für Alarmstimmung gesorgt hat.
Im Lauf der Corona-Krise und beflügelt von sinkenden Aktienkursen hat Italiens Mediaset-Konzern seine Beteiligung an ProSiebenSat1 zuletzt um weitere gut vier auf gut 24 Prozent und damit knapp unterhalb einer Sperrminorität aufgestockt. Kontrolliert wird Mediaset und eventuell bald auch ProSiebenSat1 von der Berlusconi-Familie. „Es hat noch keine Strategiegespräche gegeben“, sagt Rainer Beaujean. Der ProSiebenSat1-Finanzchef fungiert seit Kurzem auch als Vorstandssprecher.
Was den Großaktionär anbelangt, wartet Beaujean auf die virusbedingt nur virtuell bevorstehende Hauptversammlung am 10. Juni. Anliegen von Aktionären dazu müssen nach den neuen Corona-Regularien bis spätestens Anfang Juni schriftlich eingebracht werden. Das gibt der Berlusconi-Familie die Möglichkeit zu skizzieren, was sie mit ProSiebenSat1 im Sinn hat.
Vor Corona war der Aufbau einer paneuropäischen TV-Gruppe angedacht. Der gefeuerte ProSiebenSat1-Chef Conze wollte nicht Teil davon sein. Beaujean hält sich bedeckt. Damit bleibt vorerst offen, ob die neue Strategie der Gruppe Bestand hat oder von einem Großaktionär Berlusconi kassiert werden.
Beaujean will sich wieder auf das TV-Kerngeschäft konzentrieren und die Tochter Nucom „zum optimalen Zeitpunkt“ abstoßen. In Nucom hat ProSiebenSat1 Firmenbeteiligungen wie die an Datingplattformen (Parship) gebündelt, die einmal unabhängiger vom TV-Werbemarkt machen sollten. Dating läuft in der Corona-Krise. Ein Fünftel mehr Nachfrage von Singles habe man allein über die Osterfeiertage verspürt.
Im TV-Kerngeschäft sieht es weniger gut aus. Zwar habe man jetzt so viele Zuschauer wie lange nicht mehr, weil die nach Information und Unterhaltung dürsten. Die Zuschauerreichweiten seien seit Corona um acht Prozent gestiegen, die Summe der gesehenen TV-Minuten sogar um 16 Prozent. Gleichzeitig brechen aber die TV-Werbeerlöse ein, – allein im April um 40 Prozent. Einige hundert der gut 7000 Beschäftigten sind deshalb bereits in Kurzarbeit, weitere sollen folgen.
Im ersten Quartal hat ProSiebenSat1 einen Gewinneinbruch von drei Vierteln auf 31 Millionen Euro verbucht. Die nächsten Quartale könnten schlimmer werden, weshalb der Konzern auf die Kostenbremse tritt. Die Investitionen ins TV-Programm, die im Sinne des Strategieschwenks eigentlich spürbar hätten steigen sollen, werden nun um 50 Millionen Euro auf unter eine Milliarde Euro gesenkt. Marktanteil soll das nicht kosten, weil die vielfach von Sportrechten lebende TV-Konkurrenz auch nicht groß punkten kann, kalkuliert Beaujean. Es gelte jetzt die Corona-Pandemie zu meistern – und zu erfahren, was Berlusconi plant. THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN