München – Das Unternehmen existiert seit 119 Jahren und hat seinen Sitz seit 112 Jahren in Stockdorf. Wer schon einmal ein Auto mit einer Standheizung oder mit einem Schiebedach nachgerüstet hat, kommt am Namen Webasto kaum vorbei. Doch auch fast alle Autohersteller der Welt sind mit entsprechenden Komponenten ebenfalls Kunden bei dem Zulieferer. Doch in diesem Jahr hat das Unternehmen seine Bekanntheit noch einmal gesteigert. Denn über eine chinesische Mitarbeiterin wurde das Coronavirus Sars-CoV-2 erstmals in Deutschland festgestellt. Und weil die Infektionsketten im „Webasto Cluster“ lückenlos nachverfolgt werden konnten, wurde die Pandemie in Deutschland vielleicht zu lange als beherrschbar betrachtet.
„Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Webasto-Chef Holger Engelmann. Alle Betroffenen seien genesen. Und Webasto gilt nun auch als Beispiel dafür, wie man als Unternehmen mit einer derartigen Infektionskrankheit umgehen sollte: Nichts vertuschen und nichts verschweigen. „Wir haben gelernt, dass wir offen und transparent sein müssen. Wir konnten die Infektionsketten lückenlos verfolgen.“
Wobei es niemanden gab, von dem Webasto lernen konnte. Und die Gefahr war ja nicht bekannt. „Ich habe der Chinesin die Hand gegeben“, erinnert sich Engelmann, „aber mich nicht angesteckt“. Das war auch Glück. Denn aus der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Webasto-Fälle ist die Unberechenbarkeit der Infektionswege deutlich geworden.
Da waren Mitarbeiter auch über längere Zeit mit Infizierten Kollegen in einem Raum und nichts geschah. In einem anderen Fall reichte es für eine Übertragung, dass zwei Kollegen, die in der Kantine Rücken an Rücken saßen, sich umdrehten, um einen Salzstreuer weiterzureichen.
Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie allerdings treffen Webasto wie die meisten Unternehmen – vor allem in der Autobranche. „Es wird kein gutes Jahr werden“, sagt Engelmann über das laufende Geschäftsjahr. Im ersten Quartal 2020 brach der Umsatz um 18 Prozent ein. Vor allem aber rutschte das operative Ergebnis mit 40 Millionen Euro ins Minus.
Engelmann hofft noch, dass die Erholung, die Webasto in China schon spürt, sich fortsetzt und es auch in Europa wieder aufwärtsgeht. Doch für eine Prognose sind die Unsicherheiten zu groß. Auch im nächsten Jahr erwartet Engelmann noch Auswirkungen der Krise. „Ausgaben reduzieren und langfristig Strukturen optimieren“, gibt Engelmann als Ziel vor.
Und er räumt auch ein, dass die Probleme der Autoindustrie nicht nur auf Corona zurückzuführen sind: „Auch 2018 und 2019 wurden die Erwartungen nicht erfüllt.“ Das operative Ergebnis sank von 2017 auf 2018 von 248 auf 202 Millionen Euro und 2019 noch einmal auf 107 Millionen Euro.
Ursachen sind laut Webasto Handelsstreitigkeiten und der Preisdruck in der Branche. Doch Webasto investiert auch viel Geld in neue Technologien. So will man internen Ungleichgewichten entgegenwirken. Das Geschäft mit Dachsystemen wuchs 2019 um elf Prozent auf 3,1 Milliarden Euro. Es steht nun für 84 Prozent der Webasto-Umsätze. Nach einem leichten Rückgang machen dagegen Heiz- und Kühllösungen für Autos nur noch 15 Prozent aus. Und die große Zukunftshoffnung, Batterien und Ladelösungen, kamen auf knapp über ein Prozent.
Immerhin haben sich die Umsätze in diesem Bereich von 19 auf 43 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Und Engelmann hofft, dass es so weitergeht. „Seit dem gelungenen Markteintritt mit Ladelösungen und Batterien 2018 haben wir zahlreiche Serienaufträge gewonnen“, sagt er. Zuletzt von Scania für Ladestationen und von einem südkoreanischen Pkw-Hersteller für Batterien.
„Sobald die Konjunktur wieder anzieht, werden wir unseren Wachstumskurs fortsetzen“, sagt Engelmann. Die Auftragsbücher seien mit 22 Milliarden Euro gut gefüllt. Und die Eigenkapitalquote von 39 sorgt für das Unternehmen in Familienbesitz für Stabilität. Und dann gibt es noch etwas, was sich in Zahlen nicht ausdrücken lässt, für die Zukunft aber wichtig ist: Die Erfahrung eine Krise gemeistert zu haben. Engelmann: „Wir sind als Team zusammengewachsen.“