Bayern will die Wasserstoff-Blockade lösen

von Redaktion

VON THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

Nürnberg – Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sieht es pragmatisch. Wenn grüner Wasserstoff künftig vor allem im Verkehr und der Industrie fossiles Öl ersetzt, werden davon so große Mengen gebraucht, dass man sie in Deutschland ohnehin nicht komplett allein erzeugen kann. Deshalb müssten die diversen Berliner Bundesministerien jetzt ihren Streit über deutsche Produktionskapazitäten für Wasserstoff beilegen und Bayern folgen. Denn Aiwanger hat nun eine eigene bayerische Wasserstoffstrategie vorgestellt.

Diese werde die Forschung intensivieren, die Herstellung grünen Wasserstoffs skalieren und in industrielle Maßstäbe bringen, aber auch für 100 Lkw-Wasserstofftankstellen bis 2023 sorgen sowie Brennstoffzellenfahrzeuge in kommunalen Fuhrparks hälftig bezuschussen. Rechnet man alle Förderprojekte zusammen, kommt Aiwanger auf über 100 Millionen Euro, die Bayern in den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft steckt, um damit am Ende allein im Freistaat einige zehntausend neue Jobs zu schaffen. Es gelte jetzt schnell zu handeln, bestehende Wissensvorsprünge zu nutzen und Standards für die Wasserstofftechnologie zu setzen, die international eine große Zukunft habe.

Ähnlich sehen das auch die Wirtschaftsweise Veronika Grimm und Chemieprofessor Peter Wasserscheid, der Direktor am Erlanger Helmholtz-Institut für Erneuerbare Energien ist. Die beiden Experten hat Bayern für den eigenen Wasserstoff-Fahrplan gewonnen. Man müsse es nicht nur schaffen, die Kosten zur Wasserstoffherstellung mittels Elektrolyse zu senken, sondern auch Infrastrukturen in Form von Wasserstofftankstellen aufbauen, um das Henne-Ei-Problem zu lösen, wirbt Grimm. Sie plädiert zudem für Energiepartnerschaften mit Ländern wie Marokko oder Island, um von dort aus mittels erneuerbaren Energien grün erzeugten Wasserstoff zu importieren. „Wir streben nach Technologieführerschaft“, sagt Wasserscheid zu den bayerischen Plänen. Kernprodukt künftiger Wasserstoffwirtschaft sind Elektrolyseanlagen, bei denen deutsche Hersteller schon heute als weltweit führend gelten. Bestehende Anlagen können aber nur überschaubare Mengen herstellen.

Mit dem Bau von Großanlagen für industrielle Maßstäbe allein ist es aber nicht getan. Der Wasserstoff muss auch transportiert werden, wofür sich Pipelines oder auch bestehende Gasleitungssysteme anbieten, wenn man sie entsprechend aufrüstet. Wasserstoff kann nicht nur Pkw und Lkw antreiben, sondern auch in der Chemie-Industrie und zur Herstellung von Stahl verwendet werden. In Berlin wird indessen vor allem zwischen den CDU-geführten Forschungs- und Wirtschaftsministerien darum gestritten, welche Elektrolyseleistung in Deutschland installiert werden soll. Drei bis fünf Gigawatt (GW) will Wirtschaftsminister Peter Altmaier, zehn GW Forschungsministerin Anja Karliczek. Ein Tropfen auf den heißen Stein wäre beides. Ein GW Elektrolyseleistung schafft vier Terawattstunden (TWh) Energie. Der deutsche Energieverbrauch beträgt rund 2500 TWh. Bei diesen Relationen ist klar, dass es ohne Import nicht geht.

Aiwanger denkt an Russland und die im Verhältnis zu den USA politisch umstrittene Gaspipeline Nordstream 2. „Die kann auch Wasserstoff transportieren“, sagt der Bayer. Genug windreiche Flächen zum Aufstellen deutscher Windräder gebe es in Russland auch. Wenn man dann noch große Elektrolyseanlagen danebenstellt – ebenfalls made in Germany – seien Kapazitätsprobleme gelöst und die Energiewende komme mit Riesenschritten voran. Jetzt müsse nur noch der Bund mitmachen. Nächste Woche soll es in Berlin einen neuen Anlauf zur nationalen Wasserstoffstrategie Deutschlands geben.

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