Experten erwarten Pleitewelle im zweiten Halbjahr 2020

von Redaktion

Bis Juni sanken die Zahlen dank staatlicher Hilfen sogar – Auch weniger Verbraucher wurden insolvent

Düsseldorf – Deutschland droht nach Einschätzung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform „eine Insolvenzwelle von bisher nicht gekanntem Ausmaß“, falls sich die Wirtschaft nicht rasch von dem durch Corona ausgelösten Konjunktureinbruch erholt. Nach Meinung vieler Fachleute könne es einen Anstieg der Firmenpleiten um bis zu 20 Prozent geben, sagte der Hauptgeschäftsführer von Creditreform, Volker Ulbricht. Aber: Im ersten Halbjahr 2020 verringerte sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen überraschend um 8,2 Prozent auf 8900 Fälle.

Das Insolvenzgeschehen habe sich von der tatsächlichen wirtschaftlichen Situation der Unternehmen abgekoppelt, sagte Ulbricht. Gründe dafür seien milliardenschwere staatliche Unterstützungsmaßnahmen für Unternehmen und noch mehr die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Ende September. Die Maßnahmen seien offenbar in ihrer Wirkung über das Ziel hinausgeschossen und hätten auch einigen Unternehmen den Gang zum Insolvenzgericht erspart, die schon vor der Krise pleitegefährdet gewesen seien, urteilte der Konjunkturexperte.

Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht gilt zunächst bis Ende September, kann aber für ein weiteres halbes Jahr bis Ende März verlängert werden. Die Insolvenzwelle sei damit aber nur vertagt worden, betonte Ulbricht. Das Risiko einer deutlichen Verschärfung des Insolvenzgeschehens in der zweiten Jahreshälfte und im kommenden Jahr steige.

Die Schäden durch die knapp 9000 Unternehmensinsolvenzen im 1. Halbjahr bezifferte Creditreform auf rund 12 Milliarden Euro. Bei den betroffenen Unternehmen und deren Umfeld seien rund 125 000 Arbeitsplätze bedroht oder weggefallen.

Bestätigt hat sich der Trend der letzten Jahre, wonach viele Pleitekandidaten ältere, etablierte Unternehmen sind. Immerhin knapp die Hälfte der Insolvenzen im ersten Halbjahr entfiel auf Firmen, die älter als zehn Jahre waren.

Kaum einen Effekt der Corona-Krise sieht Creditreform bislang bei den Verbraucherinsolvenzen. Deren Zahl verringerte sich in den ersten sechs Monaten um 6,4 Prozent auf 30 800. Bis Mitte März seien die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Verbraucher noch gut gewesen – geprägt von einem stabilen Arbeitsmarkt und niedrigen Zinsen, so Ulbricht. Inzwischen hätten steigende Arbeitslosenzahlen und die massive Ausweitung der Kurzarbeit finanzielle Spielräume eingeengt. Dennoch sei auch im zweiten Halbjahr keine dramatische Änderung der Situation zu erwarten.

Es sei ein langer Leidensweg, bis ein überschuldeter Verbraucher ins Insolvenzverfahren komme. Letztlich sei die Entwicklung bei den Verbraucherinsolvenzen davon abhängig, ob es gelinge, die Krise mit Kurzarbeit zu bewältigen, oder ob es doch zu einem massiven Stellenabbau komme. „Wenn wir wieder eine ausgeprägte Arbeitslosigkeit bekommen, wird auch die Zahl der Verbraucherinsolvenzen früher oder später wieder steigen“, sagte Ulbricht.

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