München/Frankfurt – Die Lufthansa warnt eindringlich vor einer Ablehnung des staatlichen Rettungspakets auf der außerordentlichen Hauptversammlung am 25. Juni. Grund ist die massive Kritik des Großaktionärs und Unternehmers Heinz Hermann Thiele. Er hat auch für die Lufthansa völlig überraschend seinen Anteil an der Airline von zehn auf 15,52 Prozent aufgestockt und lässt in einem Gespräch mit der FAZ offen, wie er abstimmen wird.
Thiele könnte nach Angaben des Lufthansa-Vorstandes dafür sorgen, dass die für das Rettungspaket erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit der Aktionäre nicht erreicht wird. „Dies würde bedeuten, dass die Deutsche Lufthansa AG möglicherweise zeitnah zur Hauptversammlung ein insolvenzrechtliches Schutzschirmverfahren beantragen müsste, wenn es dann nicht unverzüglich zu einer anderen Lösung kommt.“
Am Mittwochmittag teilte der 79-jährige Thiele der Lufthansa die Erhöhung eines Aktienanteils von bislang 10,0001 auf 15,52 Prozent offiziell mit. Thieles Aktienpaket hat derzeit einen Wert von etwa 780 Millionen Euro. Anfang März hatte er die Schwelle von fünf Prozent überschritten. Nach eigenen Angaben hat Thiele – sein Vermögen wird auf mehr als elf Milliarden Euro geschätzt – die zusätzlichen Lufthansa-Aktien in den letzten Tagen und Wochen erworben. Gehalten werden sie von Thieles Münchner Investmentgesellschaft KB Holding, die mit gut 70 Prozent und 50 Prozent auch Großaktionär beim Bremsenhersteller Knorr-Bremse und beim Bahn-Zuliefer-Unternehmen Vossloh ist.
Entscheidend für die notwendige Zustimmungsquote auf der Hauptversammlung ist die Präsenz. Lufthansa erwartet eine Quote von weniger als 50 Prozent. Damit wäre eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig. Auf der regulären Hauptversammlung Anfang Mai hatte sie bei 33 Prozent gelegen. Nur wenn die Präsenz bei mehr als 50 Prozent liegt, reicht eine einfache Mehrheit. Bei einer Präsenz von nur einem Drittel könnte Thiele die Zustimmung zum Rettungspaket und zum Einstieg des Bundes mit 20 Prozent bei der Lufthansa verhindern. Aktuell, so Thiele, habe er sich noch nicht entschieden. Wirtschaftsprüfer und Anwälte bereiteten seine Entscheidung vor. Er werde aber „sicherlich nicht blockieren oder ausbremsen“. Die Aufstockung seines Anteils sei „kein Signal, auf der Hauptversammlung gegen irgendetwas zu stimmen“. Er lässt offen, ob er nach der Hauptversammlung gegen einem ihm nicht genehmen Beschluss der Aktionäre vorgehen werde. So weit sei er noch gar nicht. Ihm sei es ernst mit der Lufthansa. Faktisch fordert Thiele aber Nachverhandlungen. Das allerdings erscheint in der Kürze der Zeit höchst schwierig. Neben der Bundesregierung müsste auch die EU-Kommission dazu noch einmal eingeschaltet werden.
Thiele kritisiert, dass keine Alternativen zum Einstieg des Staates und dem Rettungspaket aufgezeigt worden seien. Vor allem stößt er sich daran, dass der Bund die neuen Lufthansa-Aktien zum Nennwert von 2,56 Euro erhalten soll und damit deutlich unter dem aktuellen Kurs von gut 10,50 Euro. Altaktionäre können bei der anstehenden Kapitalerhöhung keine der neuen Aktien zeichnen. Damit sei der Bund Profiteur des Rettungspakets, sagt Thiele. Er fürchtet, dass der Bund wie bei der Commerzbank zum Dauer-Aktionäre wird. Dabei brauche die Lufthansa für die Sanierung keine Staatsbeteiligung. Thiele fürchtet offenbar auch zu weitgehende Zugeständnisse an die Beschäftigten der Airline.
Der Multi-Milliardär hält eine indirekte Beteiligung der Staatsbank KfW für einen Kompromiss. Im vereinbarten Rettungspaket gewährt sie der Airline einen Milliardenkredit. Thiele kritisiert auch, dass die Lufthansa ihn bei der Debatte über das Rettungspaket kaum kontaktiert und sich der Bund auch vor dem Festzurren der Bedingungen nicht gemeldet habe. Allerdings sind auch Aktionärsschützer vom Einstieg des Bundes nicht begeistert. Klaus Nieding von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) bezweifelt, dass es zum Rettungspaket des Bundes wirklich keine Alternativen gibt. ROLF OBERTREIS