Berlin – Annullierte Flüge und abgesagte Bahnfahrten in der Corona-Krise lassen die Zahl der Kundenbeschwerden in die Höhe schnellen. Allein an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr haben sich in den vergangenen Wochen mehr als dreimal so viele Verbraucher gewandt wie im Vorjahreszeitraum. Die Folgen der Seuche hinterlassen deutliche Spuren in der Bilanz: Im ersten Halbjahr stieg die Zahl der Beschwerden demnach um 23 Prozent auf den Rekordwert von 14 647.
In vier von fünf Fällen geht es um Flüge. Mitte März kam der Luftverkehr nahezu zum Erliegen. Kunden wollen nun ihr Geld zurück, weil sie nicht fliegen konnten. „Sehr viele Reisende haben sich an die Airline gewandt und nichts oder erst nach Wochen etwas gehört“, sagte der Geschäftsführer der Schlichtungsstelle, Heinz Klewe. „Wenn wir dann das Schlichtungsverfahren gestartet haben, war meist schnell alles paletti.“
Eigentlich müssen Fluggesellschaften das Geld für ausgefallene Flüge innerhalb von sieben Tagen erstatten. Weil der Flugverkehr in der Corona-Krise jedoch nahezu komplett zusammenbrach, gerieten viele Airlines in Geldnot. Kurzarbeit verzögerte zudem die Bearbeitung der Beschwerdeflut.
Den Zorn der Kunden zogen Fluggesellschaften damit auf sich, dass sie zunächst versuchten, die Passagiere mit Gutscheinen abzufinden. Die EU-Kommission stellte jedoch klar, dass das Geld zu erstatten sei. Vor zwei Wochen beschloss der Bundestag, wie Gutscheine ausgestaltet sein müssen: Annehmen muss sie niemand, Verbraucher können sich das Geld immer noch erstatten lassen.
Auch Verbraucherzentralen hatten von steigenden Beschwerdezahlen berichtet. Flugrechtsportale sammeln Klagen, weil viele Erstattungen auf sich warten lassen, von systematischem Rechtsbruch ist die Rede.
Die Branche widerspricht. „Selbstverständlich kommen die Fluggesellschaften der Rückerstattungspflicht nach oder stellen mit dem Einverständnis der Passagiere Gutscheine aus“, hob Matthias von Randow hervor, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. Die geltenden Fristen würden aber nicht der Situation einer weltweiten Pandemie gerecht, sie könnten nicht immer eingehalten werden. Von Randow versicherte jedoch: „Die Unternehmen arbeiten intensiv daran, bestehende Ansprüche möglichst schnell zu bedienen.“
Anders als am Himmel blieb auf der Schiene ein Großteil des Verkehrs erhalten. Bahnkunden konnten fahren – viele wollten aber nicht, weil sie sich vor einer Ansteckung fürchteten oder weil ihre Reisegründe wegen der Seuche wegfielen. 2308 Bahnkunden haben sich von Januar bis Juni an die Schlichtungsstelle gewandt, 61 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2019. Viele Kunden ärgerten sich darüber, dass Gutscheine für nicht angetretene Reisen schnell verfallen sollten und das Geld nicht einfach erstattet wurde. dpa