München – Siemens steht strategisch wie personell vor einer neuen Ära. An der Börse notieren bald drei Siemens-Konzerne. Und mit Roland Busch kommt im Oktober ein neuer Chef und ein anderer Stil. So mächtig, wie Joe Kaeser als Siemens-Chef war, wird sein Nachfolger Roland Busch aber nicht werden. An seinen Managementfähigkeiten liegt das nicht, sondern am Konzern. Das Siemens, das der 55-Jährige formell ab kommendem Februar und de facto Anfang Oktober übernimmt, ist nicht mehr dasselbe, an dessen Spitze Kaeser 2013 unter turbulenten Umständen gerückt ist.
Ende September spaltet der Traditionskonzern die Sparte Siemens Energy mit allen Energiegeschäften ab, womit das Stammhaus ungefähr ein Drittel kleiner – sowie von einigen Problemen befreit – wird. Aber für Änderungen wird auch der neue Siemens-Boss selbst sorgen. Das fängt bei der Art des Managens an. Soeben angekündigt hat er einen „anderen Führungsstil, der sich an Ergebnissen orientiert, nicht an der Präsenz im Büro“. Die Abschaffung der Präsenzkultur bei Siemens ist Ausfluss der Pandemie. Aber sie entspricht auch dem Wesen des ersten gebürtigen Erlangers an der Spitze von Siemens seit Heinrich von Pierer vor 15 Jahren.
Busch lässt lange Leine, verflacht Hierarchien und erklärt das zum Führungsprinzip. „Wir vertrauen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und befähigen sie, ihre Arbeit selbst zu gestalten“, betont der Manager, der selbst nicht unbedingt ins Rampenlicht drängt. Sein Naturell steht auch von daher im Kontrast zum scheidenden Siemens-Chef, dem wohl politischsten Boss eines Dax-Konzerns.
Es ist keine riskante Prognose, dass Busch die Twitter-Frequenz eines Joe Kaeser nicht erreichen wird. Der promovierte Physiker, der damit auch der erste Techniker im Chefsessel seit Karlheinz Kaske vor fast 30 Jahren wird, ist verbindlich im persönlichen Gespräch und dabei stets betont sachlich auf Siemens bezogen. Er polarisiert und politisiert nicht wie Kaeser. Zudem kennt Busch den Konzern in allen Verästelungen. Das zeigt ein Blick auf seine hausinterne Karriere.
Begonnen hat die 1994 als Projektleiter in der Erlanger Zentralabteilung für Forschung und Entwicklung. Danach führten die Schritte vom konzerninternen Kfz-Zulieferer VDO über die kriselnde Bahntechnik und andere Stationen bis schließlich 2011 in den Zentralvorstand. Wenn es etwas zu sanieren gab, hat der großgewachsene Manager das erledigt. Busch kann sich durchsetzen, wenn es sein muss. Siemens-Technologiechef wurde er 2016. Technikwissen ist gerade jetzt Gold wert.
Denn die Häutungen, die Kaeser dem 170 Jahre alten Traditionskonzern verschrieben hat, schaffen ein auf Digitaltechnik, Software, smarte Infrastrukturen und eben Bahntechnik konzentriertes Unternehmen, das an der Spitze der vierten industriellen Revolution unter dem Schlagwort Industrie 4.0 steht und enorm technologiegetrieben ist.
Auch beim Personal erfüllt der dort beliebte Siemens-Chef in spe Sehnsüchte. Endlich wieder ein Techniker als Boss. Das betonen auch andere in Zeiten technischen Wandels, wo die Karten vielfach neu gemischt werden. „Er vereint unternehmerische Weitsicht und ein tiefes Verständnis aller Technologien“, hat Siemens-Oberaufseher Jim Hageman Snabe Buschs Berufung begründet. „Er ist viel besser vorbereitet, als ich es 2013 war“, sagt Kaeser über seinen Nachfolger.
Denn Fakt ist auch, dass Siemens mit dem Wechsel die erste geordnete, von langer Hand geplante und nicht dramatischen Umständen geschuldete Nachfolge seit 1992 schafft. Sowohl von Pierers Abgang wie der von den Nachfolgern Klaus Kleinfeld und Peter Löscher waren unrühmlich. Busch dagegen übernimmt ein Siemens im Umbruch, aber keines im Chaos. Die massiven Eingriffe, die Kaeser zuletzt in die Konzernstruktur unternommen hat, zeichnen die weitere Strategie erst einmal vor.
Aber lediglich ein Erbe verwalten wird Busch nicht. Er setzt zum einen verstärkt auf Kooperationen. Die jüngst angekündigten mit SAP und Salesforce tragen bereits die Handschrift des neuen Siemens-Chefs. „Die Softwarepartnerschaft mit SAP schafft einen durchgehenden digitalen Faden vom Design bis in den Betrieb“, schwärmt Busch auf die für ihn typische Weise. Als einen künftigen Hauptkonkurrenten hat der Analytiker Microsoft ausgemacht. Zugleich weiß der verheiratete Familienvater, der seinen Arbeitstag gern früh im Siemens-eigenen Fitnessstudio beginnt, dass sein Siemens nicht nur fokussierter, sondern auch kleiner und damit anfälliger für eine Übernahme geworden ist. Es gehe nicht um Größe, sondern um Gewinnchancen und Börsenbewertung, entgegnet Busch solchen Vorhalten. „Wir werden uns am Markt umsehen“, sagt er im nächsten Satz.
Bei der Medizintechnik-Tochter Healthineers ist dieses Umschauen soeben in dem Erwerb des US-Konzerns Varian für 14 Milliarden Euro und damit dem teuersten Zukauf aller Siemens-Zeiten gemündet. Auch so gesehen kann man vom Neuen noch einiges erwarten.
Busch lässt lange Leine, verflacht Hierarchien
Twitter-Frequenz von Kaeser wird er nicht erreichen
Busch übernimmt im Umbruch, aber nicht im Chaos
Arbeitstag beginnt im Siemens-eigenen Fitnessstudio