Frankfurt – Der wichtigste deutsche Aktienindes, der Dax, hat von seinem Tiefpunkt Mitte März bei rund 8400 Punkten bis heute mehr als 50 Prozent zugelegt. Er ist derzeit nur rund 800 Punkte vom Allzeithoch von knapp 13 800 entfernt. Ähnlich in den USA: Der Dow Jones ist seit Mitte März ebenfalls fast um 50 Prozent gestiegen, nähert sich dem Rekord von 29 562 Punkten. An der Technologiebörse Nasdaq werden derzeit sogar fast täglich neue Höchststände erreicht.
Was verwunderlich erscheint, lässt sich begründen. An der Börse wird die Zukunft gehandelt, nicht die Vergangenheit. Corona ist für Investoren, für Fondsmanager, für Pensionskassen und Versicherungen nicht abgehakt – auch sie wissen, dass es ohne einen Impfstoff kaum eine Lösung geben wird – aber sie sehen wie Ökonomen und die Bundesbank nach dem beispiellos scharfen Einbruch im zweiten Quartal eine wirtschaftliche Erholung. Die dürfte sich auch in wieder steigenden Gewinnen der Unternehmen niederschlagen.
Wer derzeit Geld anlegen will, sieht sich sehr überschaubaren Alternativen gegenüber. Zinsen gibt es faktisch nicht mehr – weder auf dem Sparkonto noch für Tagesgeld. Auch für zwei- oder fünfjährige Sparbriefe sind sie so mau, dass nach Abzug der Inflationsrate ein Minus steht. Bei soliden, sicheren Bundesanleihen liegt die Rendite seit Monaten mit rund 0,5 Prozent sogar im Minus. Anleger verlieren Geld. An dieser Lage wird sich vermutlich auf Jahre nichts ändern. Zinserhöhungen durch die Notenbanken sind nicht in Sicht. Gold hat zwar neue Rekorde verbucht, wirft aber weder Dividenden noch Zinsen ab. Bei Immobilien als Kapitalanlage überwiegt die Zurückhaltung, weil die Preise in den letzten Jahren extrem gestiegen sind. Ohnehin ist die Wohneigentumsquote in Deutschland im Europavergleich sehr schwach ausgeprägt, so dass die Bundesbürger auch an diesen Renditeobjekten kaum partizipieren.
Regierungen und Notenbanken pumpen derzeit Billionen in die Wirtschaft, um die Folgen der Corona-Pandemie abzufedern so gut es geht. Ein Teil davon landet nicht direkt in der Realwirtschaft, sondern erst einmal auf dem Finanzmarkt. Und noch eins: Extrem viel Geld auf den Märkten und in der Wirtschaft deutet eigentlich auf steigende Inflation. Aber auch die sehen Ökonomen und Notenbanker derzeit nicht, weil Verbraucher mit Ausgaben zögern und Unternehmen mit Investitionen.
Das alles lässt Investoren in Europa und in den USA auf den Aktienmarkt schauen. Dabei mögen auch Zocker unterwegs sein. Die Mehrzahl sind seriöse Investoren, Fondsmanager und Verantwortliche von Pensionskassen. Sie müssen sich um das Geld ihrer Anleger kümmern.
Aktien solider deutscher Unternehmen, das zeigt die historische Rückschau, bieten über einen Anlagezeitraum von mindestens fünf, besser zehn Jahren und mehr – alle Tiefs eingeschlossen – im Schnitt jährliche Renditen zwischen fünf und sechs Prozent. Und meist jedes Jahr eine Dividende.
Dass der deutsche Aktienmarkt hinter dem der USA hinterherläuft hat vor allem einen Grund: Die großen Tech- und Internet-Konzerne wie Apple, Google, Facebook oder Microsoft. Aus deutscher Sicht kann nur SAP einigermaßen mithalten.
In Wirecard haben viele einen weiteren deutschen Konkurrenten für die US-Giganten gesehen. Das ist durch den beispiellosen Skandal um den Zahlungsdienstleister Geschichte. Er hat nicht nur tausende von Anleger sehr viel Geld gekostet, er fügt dem Finanzplatz Deutschland und der Börse schweren Schaden zu, und hat der Aktienkultur in Deutschland einen Bärendienst erwiesen. Die Finanzaufsicht BaFin mit ihrem fragwürdigen Verhalten bei der Kontrolle von Wirecard hat dazu genauso ihren Beitrag geleistet wie die Deutsche Börse, die die Aktie des insolventen und offensichtlich von kriminellen Machenschaften geprägten Zahlungsdienstleisters nicht sofort aus dem Dax und damit dem Kreis der 30 wichtigsten deutschen Konzerne ausgeschlossen hat (siehe Beitrag oben).
Kein Wunder, dass die große Mehrheit der Bundesbürger das Geschehen an der Börse weiter mit Skepsis beäugt und Aktien für Zockerpapiere hält. Damit verzichten sie durch langfristig ausgerichtete Investitionen in Aktien solider und seriöser Unternehmen (oder in entsprechende Fonds) auf Erträge für die private Altersvorsorge. Stattdessen wird das Geld auf dem Sparkonto immer weniger. Banken und Sparkassen reiben sich die Hände. Sie verleihen das billige Geld zu vergleichsweise ansehnlichen Zinsen.