München/Berlin – Deutschland ist immer noch Autoland – Politik und Wirtschaft wollen die Zukunft sichern: eine Führungsrolle beim autonomen Fahren, mehr Tempo für ein kundenfreundliches Ladenetz für E-Autos und ein besserer Datenaustausch mit anderen Verkehrsträgern. Das sind die Kernziele des „Autogipfels“ mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Vertretern aus Politik und Wirtschaft. Das Problem: Vor allem mittelständische Zulieferer hängen am Verbrenner. Ihnen droht wegen der Absatzflaute in der Corona-Pandemie das Geld auszugehen. Jobs stehen auf dem Spiel. Ein Überblick:
Keine Prämien
Die zuletzt erneut vor allem von der CSU geforderten staatlichen Kaufzuschüsse für moderne Benziner und Diesel gibt es nicht. Viele in der Branche betonen zwar, dass auch neue Verbrenner bessere CO2-Werte haben als die Masse der Wagen, die heute auf der Straße ist. Doch die Prämien von Bund und Industrie bleiben auf Elektro- und Hybridautos beschränkt.
Nothilfe-Fonds
Stattdessen wird nun ein anderes Instrument geprüft: Vor allem kleinere und mittelständische Zulieferer sollen mit einem möglichen Transformationsfonds unterstützt werden. Dafür hatte sich etwa die IG Metall eingesetzt. Die Firmen sollen mit Eigenkapital gestärkt werden – um in E-Mobilität und Digitalisierung investieren zu können. Denn sonst droht, dass Unternehmen in die Insolvenz gehen und Jobs und damit Fachkräfte verloren gehen. Bis zum November soll das Modell eines möglichen Fonds stehen. In der Autoindustrie wird betont, es solle sich um ein privatwirtschaftliches Instrument handeln, Staatsbeteiligungen solle es nicht geben. Der Staat könnte aber über Garantien Risiken absichern. Fraglich ist nur, ob diese Hilfe für Firmen, die kurz vor der Pleite stehen, noch rechtzeitig kommt. Die Autoindustrie beschäftigt direkt mehr als 800 000 Menschen in Deutschland.
Konjunkturpaket
Im Juni hatte die Bundesregierung in ihrem Konjunkturpaket auch ein zusätzliches Programm über insgesamt zwei Milliarden Euro beschlossen, um Investitionen in neue Technologien zu fördern. Geprüft werden soll nun, ob das Programm nachgebessert wird. SPD-Chef Norbert Walter-Borjans kritisierte, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) habe bisher kein erkennbares Konzept, wie konkret das Geld eingesetzt werden soll. „Altmaier muss die Hersteller einbeziehen, vor allem auf die Zulieferer fokussiert sein und da, wo Steuergeld eingesetzt werden soll, dem Spurwechsel in die Zukunft dienen“, sagte Walter-Borjans am Mittwoch.
Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) fordert mehr Tempo. Auf den Pkw-Märkten gebe es nach wie vor eine große Kaufzurückhaltung, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Offen seien etwa Fördermaßnahmen für den Hochlauf der Elektromobilität oder ein Programm für den Flottenaustausch bei Lastwagen.
Autonomes Fahren
Viele Versuche auf Testfeldern laufen seit Längerem – aber dass Autofahrer sich im normalen Verkehr von autonomen Fahrzeugen chauffieren lassen können, galt bisher als Zukunftsmusik. Jetzt soll die Umsetzung deutlich beschleunigt werden, Deutschland sogar eine internationale Vorreiterrolle einnehmen. Das Ziel ist angesichts der technischen und rechtlichen Komplexität des Themas ehrgeizig: Schon 2022 soll ein Regelbetrieb möglich sein, auch hierzulande sollen automatisierte und autonome Wagen „erlebbar“ sein. Die deutschen Hersteller bringen sich – nachdem sie bisher überwiegend Tesla, Google und chinesischen Firmen hinterherfuhren – allmählich in Position. VW etwa steckt in den kommenden Jahren Milliarden in entsprechende Systeme. Im Juni besiegelte der Konzern eine Partnerschaft mit dem US-Autobauer Ford. Bei dessen Tochter Argo AI, spezialisiert auf Künstliche Intelligenz, wollen sich beide Firmen die Entwicklungskosten teilen. VW-Chef Herbert Diess sieht die Vorschläge des „Autogipfels“ als Beitrag, um das Thema zu verankern. Bisher wird nur in den USA getestet. „Das werden wir jetzt überdenken, wenn sich die Bedingungen in Deutschland ändern.“
Vernetzung
Ein „Datenraum Mobilität“ soll aufgebaut werden, die Autoindustrie will dafür Daten zur Verfügung stellen. Zieldatum ist der Weltkongress für intelligente Verkehrssysteme im Herbst 2021 in Hamburg. Es könnte ein wichtiger Schritt sein für eine gemeinsame Mobilitätsplattform für die verschiedenen Verkehrsträger – neben dem Auto also Flugzeuge, Busse und Bahnen, Taxis oder E-Scooter. Künftig könnte es eine gemeinsame App geben, um Mobilitätsangebote benutzerfreundlich miteinander zu vernetzen.
Ladeinfrastruktur
Der Aufbau eine Ladeinfrastruktur für Elektroautos soll aber beschleunigt werden. Das Laden soll außerdem mit einer einheitlichen Bezahlmethode kundenfreundlicher werden.