Testlauf für den digitalen Euro

von Redaktion

VON ROLF OBERTREIS

Frankfurt – Ein Konto nicht nur bei der Bank, Sparkasse oder Volksbank um die Ecke, sondern auch direkt bei der Europäischen Zentralbank (EZB)? Was bisher Banken, Regierungen und öffentlichen Stellen vorbehalten ist, könnte es bald auch für jeden Bürger in Euroland geben. Voraussetzung: Die EZB führt einen digitalen Euro ein. Utopisch ist das längst nicht mehr – es könnte in wenigen Jahren so weit sein.

Derzeit läuft bei der Notenbank intern eine erste Testphase, parallel konsultiert sie Fachleute. Mitte nächsten Jahres wollen EZB-Chefin Christine Lagarde, das Direktorium und der EZB-Rat entscheiden, ob es einen digitalen Euro geben wird. Es geht um Erleichterungen, Schnelligkeit und Sicherheit im Zahlungsverkehr, aber vor allem auch um den Einfluss der Notenbank. Schließlich arbeiten andere Staaten und auch private Firmen längst an einer digitalen Währung.

Es sei Aufgabe der EZB, das Vertrauen in die Währung zu sichern, sagt Lagarde. „Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass der Euro für das digitale Zeitalter gerüstet ist.“ Sie betont aber auch, dass es mit einem digitalen Euro nicht um die Abschaffung des Bargeldes gehen soll und darf. „Er würde unser Bargeld ergänzen, aber nicht ersetzen“, versichert die EZB-Chefin.

An was denkt die EZB überhaupt bei einem digitalen Euro? Es geht vor allem um eine neue zusätzliche Möglichkeit für den unbaren Zahlungsverkehr, etwa für Überweisungen. Sie könnten schneller und kostengünstiger ausgeführt werden als heute, auch grenzüberschreitend.

Möglich könnte es auch sein, deutet Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer an, Zahlungen direkt von Smartphone zu Smartphone zu tätigen. „Ein digitaler Euro wäre eine elektronische Form von Zentralbankgeld und könnte von der Bevölkerung genauso genutzt werden wie Bargeld, nur in digitaler Form“, heißt es bei der EZB.

Die Notenbank steht unter Druck. China etwa arbeitet derzeit konkret an einer digitalen Währung. Staatliche Leistungen werden bereits über diesen Weg ausgezahlt. Ähnliche Überlegungen gibt es in Schweden. Und auf privater Seite ist vor allem Facebook mit Libra auf diesem Weg schon ein ganzes Stück weit unterwegs. Vorreiter setzen dabei wichtige Standards.

Ein digitaler Euro und Konten von Bürgern oder Unternehmen direkt bei der EZB würden logischerweise auch das Geschäft von Kreditinstituten treffen. Der Branchenverband der privaten Banken (BdB) stützt den Plan trotzdem. „Die Wettbewerbsfähigkeit Europas verlangt zwingend, dass die digitale Transformation der Realwirtschaft von einer digitalen Transformation des Geldwesens begleitet wird“, sagt BdB-Präsident Hans-Walter Peters. Ohne digitalen Euro drohe Europa seine Währungshoheit zu verlieren. Er weiß aber auch um die damit verbundenen Herausforderungen für die Banken, baut aber auf die Zusicherung der EZB, dass ein digitaler Euro das Bankensystem in der Eurozone nicht beschädigen dürfe.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann indes warnt vor zu großer Eile. Er sehe durchaus die Chance, mit digitalem Zentralbankgeld den Zahlungsverkehr effizienter zu gestalten. Die damit verbundenen Probleme sollte man aber nicht unterschätzen, vor allem für das Bankensystem.

Zum einen könnten Bürger ihr Geld vorzugsweise und vermutlich auch kostengünstiger digital auf ihrem Konto bei der EZB parken. Damit würde es Banken zur Vergabe von Krediten fehlen. „Die Rolle der Banken als Vermittler zwischen Sparern und Kreditnehmern wäre gefährdet“, sagt Commerzbank-Ökonom Krämer. Er warnt auch vor einem möglichen Banken-Run, gerade in Krisenzeiten. Mit einem Mausklick könnten Kunden ihre Einlagen bei den Geldhäusern in digitale Euro auf ihren EZB-Konten umwandeln. Andere warnen vor Cyber-Kriminalität und Problemen beim Datenschutz.

Der EZB sind diese Gefahren bewusst. Ihre Experten schlagen deshalb unter anderem ein zweistufiges Modell für digitale Euro-Konten bei der Notenbank vor: Zum einen ein Gehaltskonto mit einer Guthaben-Obergrenze von 3000 Euro. Der Zins dabei soll beim Guthaben-Zins liegen, der auch Banken gewährt wird. Beträge über der Grenze von 3000 Euro sollen auf einem separaten Konto gebucht werden, bei dem auch Minuszinsen möglich sind. Das soll verhindern, dass der digitale Euro auch zur Geldanlage genutzt wird.

Experten sind freilich längst nicht überzeugt. Manche warnen davor, dass die EZB zu einer Art Super-Bank wird, die auch die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher kontrollieren könnte. Andere verweisen auf die schon bestehenden Möglichkeiten, Geld schnell und kostengünstig zu überweisen.

Krämer sieht abgesehen von Problemen beim Datenschutz die Gefahr, dass die EZB noch einfacher Negativ-Zinsen durchsetzen könnte. Mehr noch: „Im Zweifel macht digitales Zentralbankgeld den Staat auf Kosten seiner Bürger mächtiger. Und das ohne Not.“

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