„Der Trend geht zurück zum eigenen Auto“

von Redaktion

INTERVIEW BMW-Betriebsratschef Manfred Schoch sieht die Branche wieder im Aufwind

Am 1. Oktober feierte Manfred Schoch Jubiläum: Vor 40 Jahren hat der studierte Wirtschaftsingenieur als Trainee im BMW-Personalwesen in München angefangen. Heute ist Schoch der mit Abstand dienstälteste Betriebsratschef in der deutschen Autoindustrie. Im Interview erklärt Schoch, der auch stellvertretender Aufsichtsratschef ist, warum BMW in diesem Jahr mit schwarzen Zahlen rechnet und er einen Trend zurück zum eigenen Auto sieht.

BMW hatte wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr lange zu kämpfen. Doch im abgelaufenen dritten Quartal lagen die freien Mittelzuflüsse im Kerngeschäft bei knapp 3,1 Milliarden Euro – nach 714 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Das müsste auf Jahressicht für schwarze Zahlen reichen, oder?

Wir werden jedenfalls nach gegenwärtigem Stand im Gesamtjahr 2020 trotz Corona-Krise und des Absatzrückgangs ganz sicher ein positives Ergebnis schreiben. Das ist sehr erfreulich. Wenn wir die Corona-Krise trotz der Produktionsunterbrechung und der Kurzarbeit von über zwei Monaten in unseren Werken so bewältigen, ist das eine tolle Leistung der gesamten Mannschaft.

Laut Betriebsvereinbarung sind betriebsbedingte Kündigungen bei schwarzen Zahlen ausgeschlossen. Können die BMW-Mitarbeiter also jetzt ganz beruhigt dem Jahresende entgegensehen?

Absolut. Betriebsbedingte Kündigungen wird es 2020 definitiv nicht geben. Und die entsprechende Betriebsvereinbarung wird auch für das Jahr 2021 gelten.

Aller Voraussicht nach wird uns Corona wohl noch einige Zeit begleiten. Wie sicher sind die Arbeitsplätze für 2021?

Wenn nicht etwas Gravierendes wie ein Lockdown dazwischenkommt, werden wir 2021 konzernweit sicherlich deutlich über den Ergebnissen von 2020 liegen. Von daher wächst mir kein einziges graues Haar.

Mit Blick auf den unerwartet starken Anstieg bei den freien Mittelzuflüssen könnte man zu dem Urteil kommen, dass Finanzvorstand Nicolas Peter in der Pandemie doch einen guten Job gemacht hat?

Nein.

Warum?

Das ist keine Leistung des Vorstands. Ähnlich wie andere Autobauer profitieren auch wir von einem deutlich veränderten Mobilitätsverhalten. Die Menschen fliegen deutlich weniger und sie fahren weniger Zug, U-Bahn oder Bus. Dafür gewinnt das Auto rapide an Bedeutung. Viele Menschen sehen das eigene Auto inzwischen als persönlichen Schutzraum. Und die Menschen wollen auch nicht mehr sharen, weil man nicht mehr weiß, wer vorher im Auto saß. Diesen Trend Richtung eigenes Auto hat Corona gebracht, nicht der Vorstand.

Nun war die Lage bei BMW im Sommer noch ziemlich angespannt. Daher hatte der Konzern im Rahmen eines Maßnahmenpakets einen Stellenabbau von insgesamt 6000 Stellen angekündigt, allerdings unter Verzicht von betriebsbedingten Kündigungen. Bleibt es dabei?

BMW bietet den Mitarbeitern Aufhebungsverträge auf freiwilliger Basis an. Von den rund 80 000 Kolleginnen und Kollegen in Deutschland haben bislang über 1000 dieses Angebot angenommen. Wir begleiten das von Seiten des Betriebsrats in einem Beratungsprogramm, dazu kommen Renten- und Steuerberater, damit jeder weiß, was von der Abfindung am Ende netto rauskommt. Das läuft alles hervorragend. Bisher gibt es auch keine mir bekannte Beschwerde bei der Rechtsberatungsstelle der IG Metall. Wir sind da sehr zufrieden.

Zu den zahllosen Folgen der Corona-Pandemie gehört auch die Verlagerung vieler Arbeitsplätze ins Homeoffice. Bei Siemens haben künftig rund 140 000 Mitarbeiter Anspruch auf zwei bis drei Tage Homeoffice pro Woche, wenn der Vorgesetzte zustimmt. Wann kommt eine vergleichbare Regelung auch für die BMW-Beschäftigten?

Wir haben bereits 2013 eine Betriebsvereinbarung zum Thema Mobilarbeit geschlossen. Wenn jemand tagsüber seine demente Mutter im Altersheim betreut und währenddessen – etwa weil die Mutter gerade schläft – seine Mails bearbeitet, ist das bei BMW Arbeitszeit. Wenn jemand im Zug arbeitet, ist das bei BMW Arbeitszeit. Das Thema Mobilarbeit bei BMW ist also eine Stufe weiter als Homeoffice. Aber klar ist auch: Wir sind keine Bausparkasse oder eine Versicherung, sondern ein Industrie-Unternehmen. Nehmen Sie unser Entwicklungszentrum FIZ: Wir haben dort zum Beispiel ein Akustik-Zentrum oder den Windkanal. Dort messen wir, wie leise ein Auto ist oder optimieren den Luftwiderstand. Das alles geht zu Hause nicht. Auch die Mitarbeiter aus der Produktion im Werk müssen vor Ort sein. Bei Software-Ingenieuren oder den Kollegen aus der Rechnungsprüfung liegt der Fall wieder anders. Eine allgemeingültige Regelung macht da keinen Sinn. Aber dort, wo es geht, halte ich eine vernünftige Mischung – also zum Beispiel drei Tage im Büro, zwei Tage zu Hause – für sehr wünschenswert.

Und diese bestehende Betriebsvereinbarung zur Mobilarbeit bei BMW wird dann die Grundlage einer neuen Betriebsvereinbarung?

Wir streben hier keine neue Betriebsvereinbarung an. Was wir bei BMW brauchen, ist ein entsprechender Kulturwandel und der muss im Kopf stattfinden und nicht auf dem Papier. Das ist eine Frage des Führungsverhaltens und der richtigen Kriterien. Bisher gibt es etwa bei der Frage des Krankenstands einen klaren Konsens: Ein hoher Krankenstand ist ein Signal für schlechte Führung. Wir müssen dorthin kommen, dass eine geringe Mobilarbeitsquote ein Signal dafür ist, dass die Führungskraft die Möglichkeiten der Digitalisierung noch nicht verstanden hat. Gute Führungskräfte haben eine hohe Mobilarbeitsquote, schlechte eine geringe. Was glauben Sie, wie schnell sich das dann ändert? Dann brauchen wir für diesen Kulturwandel keine Regeln, die der Betriebsrat aushandelt.

Inzwischen ist das Thema Homeoffice ja auch nach Berlin geschwappt. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will ein Recht auf Homeoffice verankern. Danach sollen Vollzeitbeschäftigte pro Jahr 24 Tage von zu Hause arbeiten können. Was halten Sie davon?

Es gibt viele Unternehmen, wo es kaum oder überhaupt kein Homeoffice gibt. Da würden zwei Tage im Monat sicher helfen. Wir bei BMW wollen Mobilarbeit an zwei Tagen pro Woche und sind da einfach schon weiter als der Vorschlag von Herrn Heil.

Sie sind seit 1987 Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats bei BMW und damit der dienstälteste Betriebsratschef in der deutschen Automobil-Industrie. In anderen Konzernen gab es in der Vergangenheit immer wieder teils harte Auseinandersetzungen bis hin zu Skandalen. Bei BMW blieb es zumindest nach außen immer sehr ruhig. Wie haben Sie das geschafft?

Ich versuche Probleme mit den zuständigen Bereichsleitern und Vorständen zu lösen und nicht über die Öffentlichkeit. Das ist der erfolgreichere Weg. Und das ist übrigens auch bei Tarifverhandlungen so, wenn man in den letzten Nächten zusammensitzt und Lösungen am kleinen runden Tisch sucht.

Interview: Thomas Schmidtutz

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