Frankfurt – Die Lage bei der Lufthansa verschärft sich weiter, auch wenn es der Vorstand geschafft hat, dass das Geld langsamer zur Neige geht als bislang. Mittlerweile dauert es zwei Stunden, bis eine Million Euro weg ist, und nicht mehr eine wie Anfang der Corona-Pandemie. Aber das ist auch die einzige ansatzweise positive Nachricht, die der Lufthansa-Vorstand am Sonntagabend in einem Brandbrief an die Beschäftigten mitteilen kann. Insgesamt wird es immer kritischer.
Hatte Vorstandschef Carsten Spohr im Sommer noch gehofft, im Winter mit der Hälfte der normalen Kapazität fliegen zu können, spricht er jetzt von nur noch „maximal einem Viertel“. Dabei werden auch diese Flüge nicht voll besetzt sein. Im Vergleich zum Vorjahr werde die Zahl der Passagiere voraussichtlich bei „weniger als einem Fünftel des Vorjahreswertes“ liegen. Der Vorstand versetzt die Airline unter „schwierigsten“ Bedingungen in den „Wintermodus“. Man fliege in den nächsten Monaten etwa auf dem Niveau von Mitte der 1970er-Jahre – mit gerade noch 80 Flugzeugen. 125 Flugzeuge, die eigentlich im Winter fliegen sollten, bleiben jetzt doch am Boden.
Vor der Krise verfügte die Lufthansa im Konzern über insgesamt 760 Jets. Fest steht mittlerweile, dass 150 dauerhaft aus dem Verkehr genommen werden, auch der doppelstöckige Airbus A 380.
„Nach einem Sommer, der uns allen Anlass zur Hoffnung gegeben hat, befinden wir uns jetzt wieder in einer Situation, die in ihren Auswirkungen einem Lockdown gleichkommt“, schreibt der Vorstand. Die Lage ist so dramatisch, dass Spohr und seine Kolleginnen und Kollegen einen noch schärferen Stellenabbau an die Wand malen. Bisher war die Rede von etwa 26 000 Jobs, die wegfallen dürften. Jetzt schreibt das Management, dass man fest entschlossen sei, „mindestens 100 000 der heute 130 000 Arbeitsplätze der Lufthansa Group“ zu erhalten. Und dies, obwohl die Airline aktuell nicht annähernd genug Beschäftigung für eine Belegschaft dieser Größe habe. Im Sommer hatte Spohr gesagt, man habe rechnerisch 800 Pilotinnen und Piloten zu viel an Bord und rund 2 600 Flugbegleiter. Bis 2024 würden in Deutschland insgesamt 11 000 Stellen wegfallen.
Die Gründe für die weitere Verschlechterung der Lage lägen auf der Hand, heißt es in dem sechsseitigen Schreiben: Die weltweit stark steigenden Infektionszahlen, verschärfte Reiserestriktionen und Appelle der Politik, Reisen möglichst ganz zu unterlassen. Das belaste die ohnehin schon ernste Situation der Lufthansa enorm. Spohr fordert schon länger eine gezielte Teststrategie und damit verbindliche Tests bei Abflug und Ankunft. Man setze große Hoffnungen auf preisgünstige und zuverlässige Tests, die in nur 15 Minuten ein Ergebnis liefern.
Wie angespannt die Lage ist, zeigt auch der Plan, notwendige Ersatzteile wie Triebwerke oder Fahrwerke aus geparkten Flugzeugen zu nehmen. In der Verwaltung werden nur noch betriebsnotwendige, rechtlich vorgeschriebene und für die Restrukturierung der Airline wichtige Aktivitäten aufrechterhalten. Kurzarbeit wird von Mitte Dezember bis Ende Februar auf das maximal mögliche Niveau erhöht. Das alles führt dazu, dass die Lufthansa-Zentrale am Frankfurter Flughafen im Wintermodus nahezu verwaist.
Der Vorstand stellt klar, dass trotz dieser Maßnahmen auch im letzten Jahresviertel ein dickes Minus in der Bilanz stehen wird. „Nach den ersten neun Monaten steht bereits ein Verlust von 4,1 Milliarden Euro zu Buche. Dieser Fehlbetrag wird sich im vierten Quartal noch deutlich erhöhen.“Noch verfügt die Lufthansa über ausreichend Geld. Ende September waren es bedingt vor allem durch die Staatshilfen von neun Milliarden Euro aus Deutschland, der Schweiz und Österreich noch 10,1 Milliarden Euro. Aktuell verliert die Lufthansa rund 420 Millionen Euro im Monat.
Gerade jetzt im Winter bräuchten alle Beschäftigten des Konzerns „sehr viel Kraft und Durchhaltevermögen“, schreibt das Management. Durch die Pandemie werde das Geschäft der Lufthansa noch über Jahre belastet. Niemand wisse, wie lange Reisewarnungen, Einreiseverbote und Lockdowns in einzelnen Ländern andauern und wie sich das Reiseverhalten nach der Krise ändern werde – durch Video-Konferenzen, geringere Einkommen oder auch eine weltweite Rezession. In jedem Fall werde die Airline dann kleiner, aber auch effizienter sein. „Wir sind überzeugt, dass wir diese Krise besser überstehen werden als viele unserer Wettbewerber“, versuchen Spohr und der Vorstand wenigstens ein bisschen Zuversicht zu verbreiten.