Wie wirkt sich der neuerliche Lockdown auf die Börsenentwicklung aus? Kommt es zu stärkeren Rückschlägen oder gar zu einer Baisse? Wir sprachen mit dem Vermögensverwalter Jens Ehrhardt.
Herr Dr. Ehrhardt, wie blicken Sie auf den neuerlichen Lockdown?
Diesmal kennt man das Problem schon, deshalb hat die Börse gar nicht so erschreckt reagiert. Man hat versucht die Auswirkungen gering zu halten. Die Schulen bleiben offen. Man versucht, die Wirtschaft nicht in die Knie zu zwingen wie im Frühjahr.
Demnach könnte es weiter aufwärts gehen?
Nach einer gewissen Pause, ja. Es kommt darauf an, ob sich die Infektionszahlen weiter verschlimmern. Aber ich habe den Eindruck, dass die Börse nicht total ängstlich reagiert. Die mittel- und längerfristigen Erwartungen sind eher positiv. Eine Baisse wird man nicht sehen, eine Konsolidierung, um für einen weiteren Aufschwung Luft zu holen, wäre aber normal.
Bleibt die Börse also attraktiv?
Es gibt ja keine Alternativen zu Aktien. Anleihen bringen nichts, Festgeld auch nicht, Immobilien sind teuer. Da wird das Geld am Ende wieder an der Börse landen. Die Bewertungen sind – abgesehen von amerikanischen Tech Werten – nicht zu hoch.
Die Pandemie breitet sich global aus. Wie schätzen Sie die Lage der Exportwirtschaft ein?
Die Zahlen auch in den USA waren zuletzt gut. Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass es China gelungen ist, das Corona-Tal zu überbrücken – und im Übrigen ganz Asien. Das ist schon erstaunlich. Wenn man auf die reale Nachfrage nach Gütern sieht, ist China enorm wichtig.
Der wichtigere Markt für deutsche Unternehmen ist aber Europa. Da sieht es düsterer aus.
Das dritte Quartal war ausgesprochen gut. Die Prognosen fürs vierte sind eher düster, das stimmt. Ich glaube aber nicht, dass man in eine neue Baisse geht, weil es Europa schlecht geht. Es könnte beim Brexit auch eine positive Überraschung geben. Ebenso in den USA. Wenn Biden drankommt, sieht es nicht nach neuen Strafzöllen aus. Das wäre gut für deutsche Unternehmen. Demokratische Regierungen in den USA waren in der Vergangenheit gut für die Börse. Generell schwindet nach der Wahl die Unsicherheit, was gut für die Kurse ist.
Wenn es keine Hängepartie gibt.
Das wäre das Schlimmste. Und das ist diesmal durchaus möglich. Dieses Woche wird auf jeden Fall bewegt und volatil. Da sollte man mit Käufen noch abwarten. Wir haben aber auch Stimulanzien von der Zinsseite, von der Liquiditätsseite und der fiskalpolitischen Seite, wie wir sie noch nie hatten. Es würde mich sehr wundern, wenn das nicht positiv auf die Konjunktur durchschlägt. Aber Corona ist eine erhebliche Bremse. Wenn dieser leichtere Lockdown verschärft wird, dann könnten die Börsen negativ reagieren. Kein Mensch weiß, wie es mit der Pandemie weitergeht.
Insgesamt sind Sie optimistisch gestimmt?
Ich kann mir gut vorstellen, dass wir bis Mitte nächsten Jahres keine so schlechte Entwicklung haben. Die stark steigenden Staatsschulden sind zweifellos unsolide. Aber solange man für Festgeld und Anleihen nichts bekommt, könnte man bei anhaltend dividendenstarken Aktien, oder beispielsweise grünen Anlagen interessante Titel finden.
Interview: Martin Prem