Die letzte Bilanz eines kantigen Managers

von Redaktion

VON CHRISTOF RÜHRMAIR

München – Joe Kaeser ist fertig. Der scheidende Siemens-Chef hat den Konzern umgebaut wie kaum einer seiner Vorgänger. Statt dem einen großen Tanker Siemens gibt es jetzt mindestens drei Konzerne dieses Namens: Die Siemens AG, Siemens Healthineers und Siemens Energy. Gerade hat das Unternehmen noch seine Tochter Flender verkauft. Nur die Zugsparte ist weiterhin Teil der Siemens AG, eine Fusion mit dem französischen Konkurrenten Alstom scheiterte am Widerstand der EU. Trotzdem ist der Laden aufgeräumt, und Kaeser tritt ab.

Mit der Hauptversammlung im Februar soll der Wechsel vom Niederbayern auf seinen Nachfolger Roland Busch vollzogen werden. Eigentlich wäre es jetzt Zeit für die Abschiedstour. Seit Oktober hält Busch die operativen Zügel schon weitgehend in der Hand. Die Jahresbilanz am Donnerstag ist Kaesers letzte in dem Unternehmen, das sein Leben über Jahrzehnte geprägt und dem er seinen Stempel aufgedrückt hat.

Ein Abgang mit glänzenden Zahlen ist Kaeser in der Corona-Pandemie nicht vergönnt. Doch er kann sich zugute halten, Siemens solide durch die Krise geführt zu haben. Rote Zahlen drohen nicht – auch weil er der Konzern in seinen Jahren an der Spitze auf Marge getrimmt hat. Einen Jobabbau wegen Corona schließt Kaeser aus, zuletzt gab es sogar eine Prämie für die Mitarbeiter.

Verkündet wurde die Zahlung von Kaeser selbst – per Twitter. Den Kurznachrichtendienst hat Kaeser immer wieder genutzt – oft auch für Themen jenseits von Siemens. Kaum ein Chef eines Dax-Konzerns twittert so politisch. Er nimmt die Bundeskanzlerin gegen Kritik in Schutz, positioniert sich gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus.

40 Jahre ist Kaeser inzwischen bei Siemens. 1980 war er noch unter dem Namen Josef Käser in den Konzern eingetreten. Sein Werdegang führte ihn auch in die USA, wo sein Vorname kürzer wurde und der Umlaut im Nachnamen weichen musste. 2006 wurde er Finanzvorstand, 2013 Vorstandsvorsitzender.

Kaeser hat bewegte Zeiten bei Siemens erlebt: Seine beiden Vorgänger Klaus Kleinfeld und Peter Löscher mussten den Chefsessel vorzeitig räumen. Kaeser betont gerne, dass es nun wieder einen geregelten Wechsel gebe.

Kaeser kann auch hart sein. Immer wieder gab es Stellenabbau-Programme. „In seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender standen oft Margenorientierung, Um- und Abbau sowie die Zergliederung des Unternehmens im Mittelpunkt“, sagt die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Birgit Steinborn. „Damit hatten wir einige Interessenkonflikte, besonders im Energiebereich kam es zu massiven Auseinandersetzungen um Arbeitsplätze und Standorte.“ Insgesamt habe man mit Kaeser aber „sachlich und auf Augenhöhe verhandelt“.

Auch für die IG Metall war Kaeser „ein harter, aber immer ein fairer und berechenbarer Verhandlungspartner“, wie Jürgen Kerner sagt, der für die Gewerkschaft im Aufsichtsrat sitzt. „Was uns am Ende über alle Differenzen hinweg selbst in großen Konflikten an einen Tisch brachte, war das Bestreben, das Beste für das Unternehmen und seine Beschäftigten zu finden – auch, wenn wir über den Weg zu diesem Ziel noch so unterschiedlicher Meinung waren.“

Auch Betriebsratschefin Steinborn sieht eine „klare Übereinstimmung“ mit Kaeser: „Sein Engagement gegen jegliche Form von Diskriminierung, Ausgrenzung, Hass und Nationalismus bei Siemens und in der Gesellschaft unterstützen und teilen wir.“

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