München – Bayerische Unternehmen würden sich bei einer anstehenden Standortentscheidung fast geschlossen wieder für den Freistaat entscheiden. Die von der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft beim Kölner IW-Consult in Auftrag gegebenen Studie „Unternehmerperspektiven 2020“ kam auf eine Standortloyalität von 95 Prozent – das sind 19 von 20 befragten Unternehmen. 2019 waren es etwas weniger: 94,5 Prozent.
Besonders treu sind Unternehmen in Niederbayern (95,8 Prozent) und der Oberpfalz (97,5 Prozent). Die oberbayerischen Unternehmen liegen mit 94,9 Prozent knapp unter dem Durchschnitt. Doch selbst die Schlusslichter Oberfranken, Mittelfranken und Schwaben erreichen mit 94,1 Prozent einen hohen Wert.
Lässt man die Unternehmen dagegen einzelne Zeugnisnoten an den Standort vergeben, ist das Bild durchgängig anders: Nur bei der „Energie- und Stromversorgung“ vergeben die Unternehmen mit 2,5 eine Bewertung, die man gnadenhalber auf die Note „gut“ abrunden könnte. In den Fächern „Allgemeine Infrastruktur“ (2,9) und „Innovationsumfeld“ (2,7) steht ein klares „befriedigend“ im Zeugnis. Und bei „Humankapital“ und „Verwaltungshandeln“ kippt die Note bedenklich in Richtung „ausreichend“.
Ein Musterschüler ist der Freistaat also nicht. Beim Humankapital liegt den Unternehmen nicht nur die mangelnde Verfügbarkeit von Fachkräften im Magen (3,8), sondern der bürokratische Aufwand (4,0). Dazu zählen unter anderem Aufzeichnungspflichten beim Arbeitsschutz und bei Arbeitszeiten. Auch beim „Verwaltungshandeln“ ist die Bürokratie der Stein des Anstosses. Bei „Zulassungs- und Genehmigungsverfahren“ setzt es die Note 3,5, ebenso beim „unbürokratischen Verhalten staatlicher Stellen“. Es herrscht also deutlicher Nachholbedarf beim Schleifen des bürokratischen Obrigkeitsstaats.
Wenn es um konkrete Maßnahmen geht, stehen allerdings ganz andere Dinge an der Spitze des Wunschzettels der Wirtschaft. Und fast alle betreffen die Infrastruktur: 92,6 Prozent der Unternehmen wollen eine Fortsetzung der Breitband-Initiative, 84,7 Prozent einen forcierten Mobilfunkausbau, 86,3 bzw. 86,1 Prozent die Sicherung wohnortnaher Schulen und Kitas, 87,9 Prozent die Sicherstellung der öffentlichen Gesundheitsversorgung und 83,5 Prozent ein attraktives und bezahlbares Angebot an Wohnraum. Das zeigt auch: Die Unternehmen wollen insbesondere dort verstärkte Anstrengungen, wo ihre Arbeitnehmer der Schuh drückt.
Lediglich erleichterte Antragsverfahren im Bereich Innovationsumfeld (86,6) sowie Entwicklung, Ausbau und Aufbau von Speichern (82,4 Prozent) im Bereich Energieversorgung erreichen bei der Dringlichkeit ähnliche Werte. Das zeigt: Obwohl die sichere Stromversorgung mit 1,8 eine der besten Einzelnoten bekam, haben die Unternehmen angesichts der Entwicklung hin zu regenerativen Energien die konkrete Sorge, ob das so bleibt.
Obwohl die Befragung zwischen dem 26. Juni und dem 31. Juli durchgeführt wurde, als die Zahl der Corona-Infektionen deutlich zurückging, hat die Pandemie deutliche Auswirkungen auf die mittelfristigen Pläne von Unternehmen. Vor allem die Unterbrechung von Lieferketten ist als Problem in den Mittelpunkt gerückt. 44,5 Prozent der bayerischen Unternehmen geben an, dass sich das Risiko abbrechender Wertschöpfungsketten erhöht hat. 53,1 Prozent der Unternehmen erwarten, dass die Produktion von Komponenten in Zukunft lokal konzentrierter erfolgen wird und die Unternehmen weniger auf weltumspannende Lieferketten für einzelne Teile zurückgreifen werden. Selbst 47,5 Prozent der großen Unternehmen, die ja stark auf internationale Arbeitsteilung angewiesen sind, stimmen dieser Aussage zu.