Virenschutz: Betriebe auf sich allein gestellt

von Redaktion

VON MARTIN PREM

München – Kaum jemand hat so viel Erfahrung im praktischen Infektionsschutz wie Werksärzte großer Industrieunternehmen. In Windeseile haben sie im Frühjahr – zumindest in großen Fabriken, wie in München bei BMW oder MAN, das Virus ausgebremst. Führungskräfte und das Sicherheitspersonalnahmen praktisch jeden Arbeitsplatz unter die Lupe, alle Prozesse wurden durchleuchtet und an Pandemie-Bedingungen angepasst. Plastikvorhänge und Plexiglas stellen Barrieren für Tröpfchen dar, die Infektionen selbst dort wirksam unterbinden, wo Menschen nah zusammenarbeiten. Größere Ausbrüche in solchen Werken sind nicht bekannt.

Dagegen können die Mitarbeiter vieler kleiner Industrie- oder Handwerksbetriebe, die nicht über die entsprechenden Ressourcen verfügen, und einen Vielfrontenkampf ums wirtschaftliche Überleben führen, von vergleichbarer Infektionsabwehr nur träumen. Dabei sind kontaktfreie Abläufe kaum möglich. Die Betriebe bleiben auf sich allein gestellt.

Dabei wäre es eine wirksame Waffe im Kampf gegen die Pandemie, den brachliegenden Wissensschatz der Arbeitsmedizin zu heben und ihn anderen zur Verfügung zu stellen. Doch ganz offenbar blenden die Politik und die hinter ihr stehenden Beratergremien den Bereich weitgehend aus, in dem die Menschen nach der Wohnung die meiste Zeit verbringen: die Arbeitswelt.

Die jüngste Stellungnahmen der Leopoldina enthält für diesen Bereich nur einen Rat: „Homeoffice muss wo immer möglich die Regel sein“. Doch die Empfehlung der 34 beteiligten Professoren läuft weitgehend ins Leere. Das vermeintliche Patentrezept wurde bereits im ersten Lockdown ökonomisch überstrapaziert. Wer Kinder zu betreuen hatte, konnte oft zu Hause bleiben – selbst wenn der Job dafür nicht geeignet war. Auch bei vielen reinen Bürojobs wurden dabei massive Produktivitätsverluste in Kauf genommen. Was liegen blieb, mussten, die Kollegen, die weiter im Büro ausharrten, miterledigen. Und bei den allermeisten Berufen ist Heimarbeit komplett unmöglich. Homeassembling von Industriegütern ist wirklich keine realistische Option.

Die Grenzen scheinen der Politik sogar in Ansätzen bewusst zu sein. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder appellierte am 10. Dezember an die Unternehmen, so weit wie möglich Betriebsferien zu machen, um Kontakte zu vermeiden. Doch auch das ist keine kurzfristig realisierbare und vor allem keine kontaktfreie Lösung. Eine Fabrik ist kein Dornröschenschloss das plötzlich stillsteht und zu einem beliebigem Zeitpunkt später wieder anläuft – als wäre nichts gewesen. Eine Unterbrechung und auch der Wiederanlauf einer hocharbeitsteiligen Produktion müssen von langer Hand vorbereitet werden. Und diese Unterbrechung bedeutet alles andere als Stillstand.

Denn Betriebsferien sehen in der Regel so aus: Sofort nach der letzten Schicht rücken Instandhalter ein, um Wartungsarbeiten durchzuführen. Bau- und Montagetrupps werden eingesetzt, um Anlagen für künftige Anforderungen fitzumachen. Laufend müssen Warenbestände und Lieferketten überprüft werden, damit ein reibungsloser Anlauf überhaupt möglich wird.

Und selbst wenn das alles optimal klappt, vergehen im Hochlauf Stunden, oft sogar mehrere Schichten, bis der Betrieb halbwegs reibungslos und wirtschaftlich läuft. Was in den Betriebsferien gemacht wird, ist damit keineswegs die erwünschte Kontaktreduzierung. Im Gegenteil: Es handelt sich um Arbeiten, bei denen laufend schnelle Entscheidungen und enge Zusammenarbeit im Team erforderlich sind.

Für wesentliche und vor allem unverzichtbare Teile der Wirtschaft, ist das Ziel von Leopoldina und Politik, die Kontakte zwischen Menschen und damit jedes Infektionsrisiko zu unterbinden, untauglich. Für die Wirtschaft käme es vielmehr darauf an, die verbleibenden unvermeidbaren Kontakte so zu gestalten, dass das Infektionsrisko bestmöglich minimiert wird. Das allerdings wird nur mit konkreten Hilfsangeboten funktionieren. Bei den chronisch unterbesetzten Gewerbeaufsichtsämtern kann man dabei nicht ansetzen. Aber wenn kleinen Unternehmen gezielt externer Sachverstand von Arbeitsmedizinern und Sicherheitsfachkräften angeboten wird und darüber hinaus ausreichend wirksame Masken verfügbar wären, wäre in diesem Bereich viel zu gewinnen. Mit der derzeitigen Ausklammerung der Arbeitswelt wird es dagegen kaum zu schaffen sein, die Inzidenzzahl unter die 50 zu drücken, wie es Markus Söder als Planziel ausgegeben hat. Das ist im Winter selbst mit striktestem Lockdown fast keinem europäischen Land gelungen.

Lediglich Irland hat es mit strengen Verboten geschafft, dieses Ziel zu erreichen. Deshalb preisen die Leopoldina-Professoren die grüne Insel auch als Vorbild für Deutschland an. Die Sache hat einen Schönheitsfehler: Das einst bitterarme Land hat seine wirtschaftlichen Aufholjagd erst in den 1990er-Jahren begonnen. Sie beruht auf zwei Säulen: Informationstechnologie und Pharmaindustrie. Die eine ist wie kein anderer Wirtschaftszweig für kontaktlose Kommunikation geeignet. Der andere setzt in der Produktion Keimfreiheit voraus. Da hat das Virus kaum Chancen. Klassische Industrie gibt es in Irland kaum.

Blendet man Industrie und Handwerk im Kampf gegen Corona weiterhin aus, dürften die Zahlen erst dann wieder ausreichend fallen, wenn das Virus Gegenwind von anderer Seite bekommt. Etwa durch das Wetter. Was heißt: Lockdown bis April.

Erfahrungs-Schatz wird nicht genutzt

Homeoffice oft nicht möglich

Fabriken sind kein Dornröschenschloss

Infektionsrisiken minimieren

Irland taugt nicht als Vergleich

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