München – Es war ein erstaunliches Aktienjahr. Mitte Dezember steht der deutsche Leitindex Dax bei rund 13 200 Punkten und damit leicht höher als Anfang Januar. Der amerikanische Aktienindex S&P 500 legte seit Jahresbeginn 13,5 Prozent zu und für den Technologieindex Nasdaq Composite ging es sogar um 40 Prozent nach oben. Und das, obwohl die Weltwirtschaft in Folge der pandemiebedingten Lockdowns um 4,2 Prozent einbrechen dürfte.
Kein Wunder, dass zuletzt viel über die Entkopplung der Kapitalmärkte von der wirtschaftlichen Realität diskutiert wurde. Dabei gilt es aber zu berücksichtigen, dass nicht alle Aktien gleichermaßen stark gelaufen sind. Während die Titel des Telemedizindienstleisters Teladoc, des Videokonferenzanbieters Zoom oder des Elektroautoherstellers Tesla Zuwächse im dreistelligen Prozentbereich verbuchten, verloren Aktien aus der Reise-, Flug- oder Energiebranche massiv an Wert.
Der Grund ist einfach: Während Letztere stark unter den Folgen des Lockdowns litten, verlagerte sich vieles ins Internet. Die Umsätze mancher Unternehmen aus dem Onlinebereich vervielfachten sich deshalb. „Außerdem wird am Kapitalmarkt die Zukunft gehandelt“, erklärt Michael Thaler von der Top Vermögen AG. „Und hier richtet sich der Blick bereits auf die Zeit nach der Corona-Pandemie, in der wir durch die massive fiskal- und geldpolitische Stimulierung eine wirtschaftliche Erholung sehen werden.“
Dazu kommt mit den extrem niedrigen Zinsen ein weiteres Argument, das insbesondere für Aktien spricht. Normalerweise werden künftige Gewinne von Unternehmen mit dem geltenden Zinssatz abdiskontiert. Gewinne, die ein Unternehmen in zehn oder 15 Jahren macht, sind deshalb heute weniger wert. „Bei einem Zinssatz von null oder noch niedriger können künftige Erträge rein rechnerisch heute aber sogar einen höheren Wert haben“, erklärt Thaler.
Von hohen künftigen Gewinnen scheinen viele Anleger vor allem bei Unternehmen aus dem Technologiesektor auszugehen, wie sich an der Wertentwicklung des Nasdaq Composite zeigt. „Langfristig“, bestätigt Burkhard Wagner von der Partners Vermögensmanagement AG, „gehören Technologieaktien deshalb in jedes Portfolio. Allerdings sollte niemand davon ausgehen, dass sich diese Titel so weiterentwickeln wie in diesem Jahr.“ Kurzfristige Enttäuschungen und Kursrückschläge hält er gerade mit Blick auf 2021 für wahrscheinlich.
Grundsätzlich aber bleibt das Umfeld für Aktien gut. „Immerhin werden die Zinsen niedrig bleiben, 2021 wird ein kräftiger Aufschwung einsetzen und die Impfstoffe lassen ein Ende der Pandemie zumindest absehbar erscheinen“, fasst Thaler zusammen.
Dazu kommt, dass mit dem neu gewählten US-Präsidenten Joe Biden die Chance besteht, dass die Politik der USA wieder berechenbarer wird. Die DZ Bank geht davon aus, dass der Dax im kommenden Jahr über 14 000 Punkte steigen kann, die Volkswirte von MM Warburg halten sogar einen Anstieg auf 15 000 Punkte für denkbar. Michael Thaler empfiehlt in diesem Umfeld aber dringend, über die Landesgrenzen bei der Geldanlage hinauszuschauen. „Ich denke, dass Asien mit dem neuen Freihandelsabkommen und seinem dynamischen Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr attraktiv ist“, meint er.
Experte Wagner sieht, angesichts des erwarteten Aufschwungs im kommenden Jahr, auch bei zyklischen und konjunkturabhängigen Branchen wie dem Bereich der Infrastruktur Chancen. Zudem rät er, den Schwerpunkt auf Qualitätsaktien zu legen. „Zum Beispiel sollten Anleger weniger auf die Höhe der Dividendenrendite achten, sondern vielmehr darauf, wie nachhaltig und stabil die Ausschüttungen eines Unternehmens sind.“
Schwieriger ist es dagegen, noch attraktive festverzinsliche Wertpapiere zu finden. „Sichere Staatsanleihen lohnen sich nicht mehr und bei Unternehmensanleihen mit schlechterer Qualität müssen Anleger damit rechnen, dass die Zahl der Insolvenzen im kommenden Jahr zunehmen wird“, warnt Thaler.
Nach Ansicht von Wagner bieten sich zumindest noch Anleihen aus asiatischen Schwellenländern sowie Unternehmensanleihen guter Bonität an. „Ich empfehle hier aktiv gemanagte Fonds, die global und in unterschiedliche Arten von Anleihen investieren und die in der Vergangenheit bewiesen haben, dass sie auch in einem schwierigen Marktumfeld noch eine positive Rendite erzielen können“, sagt er.
Zudem rät er zu einer Cash-Position, um Kursrückgänge am Aktienmarkt, die auch 2021 kommen werden, für einen Einstieg zu nutzen. Und schließlich sollten Anleger mit Blick auf künftige Krisen und turbulente Phasen Gold in ihrem Portfolio berücksichtigen. „Fünf bis vielleicht zehn Prozent eignen sich hier als Beimischung“, sagt Thaler. Er empfiehlt dafür Exchange Traded Commodities, die das Gold physisch zum Beispiel bei der Börse Stuttgart oder der Deutschen Börse hinterlegen.
„Klar ist, dass reale Werte und insbesondere Aktien in diesem Umfeld der extrem niedrigen Zinsen auch weiter ein Muss im Portfolio sind“, fasst Burkhard Wagner zusammen. „Auch wenn wir im kommenden Jahr sicher wieder starke Kursschwankungen sehen werden, langfristig haben Anleger damit weiter die beste Chance, eine ansehnliche reale Rendite zu erwirtschaften.“
Enttäuschungen wahrscheinlich
Rendite auch mit Anleihen möglich