München – Der taiwanesische Chip-Zulieferer Globalwafers hat bei seinem Übernahmeangebot für den Münchner Waferhersteller Siltronic sein Ziel erreicht. Die Annahmequote liegt bei 56,92 Prozent, wie das Unternehmen mitteilte. Auch weitere Hürden hat der Zusammenschluss genommen, berichtete die bisherige Wacker-Chemie-Tochter Siltronic. Das Bundeskartellamt habe die Übernahme nun freigegeben.
Die Behörde habe keine Anhaltspunkte dafür gesehen, dass der Wettbewerb in der Waferindustrie behindert werden könnte. Das Problem für Europa ist aber nicht ein mögliches Kartell, sondern die Abwanderung einer Schlüsselindustrie, die von außereuropäischen Konzernen – aus den USA, China, Taiwan und Südkorea – beherrscht wird. Nun gibt es bei Siltronic zwar Garantien für den Standort Deutschland und auch für die Arbeitsplätze. Doch beides gilt nicht unbegrenzt, sondern bis 2024. Und was dann wird, steht in den Sternen.
Es sind vor allem die hohen Energiekosten, die bestimmte Produktionszweige in Deutschland ausbremsen. Doch die strategische globale Lage hat ein viel tieferliegendes Problem geschaffen. Einerseits ist die Branche weltweit verflochten. Keiner kann alles, daher braucht jeder auch die anderen Mitspieler. Andererseits tobt weiter der Handelskrieg zwischen den USA und China. Es geht dabei auch darum, dem jeweiligen Gegner den Zugang zu Technologien zu erschweren. Die Europäer finden sich dabei in der Rolle eines Zuschauers wieder.
Beispielhaft ist der Fall der britischen ARM-Limited aus Cambridge. Sie gehört dem Softbankkonzern (Japan) und soll an den US-Chip-Giganten Nvidia gehen. Nun ist ARM selbst kein Chiphersteller, sondern Chipdesigner. Und viele Chips für Mobiltelefone, aber auch andere Anwendungen basieren auf ARM-Technologie. Wenn die USA den Daumen auf diesen Technologien haben und das gegen China einsetzen, wären selbst chinesische Giganten wie Huawei existenziell bedroht. Doch auch China hat über eine chinesische ARM-Tochter den Fuß in der Tür und wird eine Übernahme zulasten Chinas verhindern.
Das betroffene britische Königreich will mitspielen. Schließlich hatte Premier Boris Johnson neue strengere Regeln für Übernahmen britischer Firmen durchgesetzt. Aber welches Gewicht sie im Kräftemessen zwischen den USA und China entfalten, ist noch nicht absehbar.
Auch die deutsche Politik hat die strategische Bedeutung einer eigenständigen Halbleiterindustrie erkannt. Und sie will auf europäischer Ebene mit einem gemeinsamen Programm gegensteuern. In einer Allianz für Mikroelektronik beschlossen Deutschland und 16 weitere EU-Staaten im Dezember 2020, Milliarden in die Entwicklung moderner Mikroprozessoren und Halbleiter zu investieren. „Das ist ein entscheidender Bereich für die Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.
Doch den Ausverkauf kann man damit – zumindest vorerst – nicht verhindern. Neben dem Verkauf von Siltronic an Globalwafers haben sich auch der deutsch-britische Chipentwickler Dialog Semiconductor und der japanische Wettbewerber Renesas Electronics auf eine Übernahme geeinigt.
Kann man diesen Ausverkauf verhindern? Durch Verbote eher nicht – es sei denn, man nimmt in Kauf, sich massiv ins eigene Fleisch zu schneiden. Gerade erst 2019 hat der größte deutsche Halbleiterkonzern Infineon sich durch die Übernahme des US-Konkurrenten Cypress strategisch gestärkt und sich damit den Zugriff auf wichtige Zukunftstechnologien gesichert. Die weltweite Konsolidierung ganzer Branchen muss keine Einbahnstraße weg aus Europa sein – wenn hier der wirtschaftspolitische Rahmen stimmt.