Das Warten an den Grenzen und seine Folgen

von Redaktion

VON MARTIN PREM

München – Manchmal versteckt sich die Wucht einer Nachricht in einem beiläufig dahingesagten Nebensatz: Der Stau bestehe fast nur noch aus Lastwagen, sagte gestern ein Sprecher der bayerischen Grenzpolizei. Also: Problem gelöst. Die Menschen kommen durch, nur die Waren stehen.

Welch ein Irrtum: Die Waren sind schon in wenigen Tagen das gravierendere Problem. Vielleicht klagen die unmittelbar Betroffenen, die an Entsagungen gewöhnten Lkw-Piloten, weniger als ein Grenzpendler, der eine halbe Stunde nach Schichtende seinen Arbeitsplatz in der Oberpfalz erreicht. Doch in Wahrheit bedeutet jeder außerplanmäßig samt Fracht stehende Lkw einen immensen Schaden – weil jede Stunde Stillstand in der Wirtschaft wenigstens tagelange Folgeschäden nach sich zieht. Wenn hunderte Lastzüge für Stunden aufgehalten werden, ist das im hochkomplexen System Logistik fatal und kann in einem Industrieland wie Deutschland über massive Ausfälle bis zum kompletten Zusammenbruch führen.

Urlaubsreisende kennen das Problem der Umläufe, wenn noch Tage nach einem Fluglotsen-Streik der Flieger von Frankfurt nach Dubai in Atlanta festsitzt. Nun ist aber das System Luftverkehr mit weltweit einigen zehntausend Flugzeugen vergleichsweise überschaubar. Allein auf deutschen Straßen sind 750 000 Lkw unterwegs – und gebraucht würden weit mehr – es fehlen schlicht Menschen, die den Job des Fahrers noch machen wollen. Jede einzelne Lieferbeziehung ist auf Kante genäht.

Tschechien als wichtiger Produktionsstandort ist ebenso wie Norditalien fest in die Lieferketten wichtigerer Industrien eingebunden. Ausfälle sind also nur eine Frage der Zeit. Noch hält die Industrie tapfer durch. „Bisher läuft es ohne Einschränkungen“, hieß es gestern bei BMW. Und bei Audi in Ingolstadt: „Im Moment merken wir noch nichts.“ Auch MAN spürt Einschränkungen nach eigener Aussage „noch nicht so sehr“. Das sollte man aber nicht überbewerten. Denn der Weg ins Logistik-Chaos läuft in vielen kleinen Schritten ab – bis die Lawine nicht mehr aufzuhalten ist.

Angenommen, eine Lieferung für ein Automobilwerk kommt später. Nach vier Stunden wird das Produktionsmanagement nervös. Nach sechs Stunden versucht man, Modelle vorzuziehen, bei denen kein Teile-Mangel herrscht. Nach spätestens zwei Schichten bricht alles zusammen. Oder schon früher, wenn bereits mehrere Lieferungen ausbleiben.

Doch das Chaos greift weiter um sich. Der verspätete Lkw ist ja längst für andere Lieferungen eingeplant, die nun womöglich ausfallen oder sich erneut verspäten – eine Kettenreaktion. „Das schaukelt sich auf“, sagt Dirk Engelhardt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung. Irgendwann kommt es dann – wie im Frühjahr 2020 – zu wochenlangem Stillstand, weil Lieferketten zusammengebrochen sind.

Vor dieser Perspektive warnt Engelhardt bereits seit Wochen die Politik. Im Verkehrs- und Wirtschaftsministerium stieß er, wie er selbst sagt, auf Verständnis. Bei den Experten für Gesundheit, Inneres und Sicherheit biss er dagegen mit allen Argumenten auf Granit. Die Grenzen wurden dichtgemacht. Von „blindem Aktionismus“ spricht Engelhardt nun.

Die Folgen sind kaum mehr aufzuhalten. Und manches frühe Anzeichen wird bereits missinterpretiert: Gestern gab es auf der Inntalautobahn in Richtung Deutschland keinen längeren Lkw-Stau. Also kein Problem. Wieder ein Irrtum: Die Fahrzeuge aus Italien wurden bereits in Verona nach Osten umgeleitet, Sie mussten nun den Umweg über die Tauernroute nehmen. Die Folge: erneut massive Verspätungen.

Die wenigen Lkw, die trotz allem über den Brenner fuhren, mussten, um bei Kiefersfelden nicht zurückgewiesen zu werden, einen aktuellen Corona-Test vorlegen. Den gab’s in Sterzing, nach stundenlangem, dichtgedrängtem Anstehen. Sarkastischer Kommentar eines Spediteurs, dessen Fahrer ihm Bilder davon schickte: „Wer vorher Corona noch nicht hatte, hat sich’s hier sicher geholt.“

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