Ökonomen uneins: Zulassen oder öffnen?

von Redaktion

VON MARTIN PREM

München/Köln – „No Covid“ – eine Initiative von Wissenschaftlern, die sich das Ziel gesetzt hat, das grassierende Virus und seine Mutationen auszurotten, hat in der Ökonomie nicht viele Anhänger. Doch Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, hält an der Allianz in erster Linie mit Infektionsforschern fest, die sich eben dieses Ziel gesetzt haben. Der Wirtschaft sei nicht geholfen, wenn man den Lockdown beende und es dann zu einer dritten Welle mit erneuten Schließungen kommt, ist sein zentrales Argument.

Lässt sich das Virus besiegen?

Das Konzept „No Covid“ teilt das Land in Zonen mit unterschiedlicher Inzidenz auf. Dort, wo über mehrere Tage keine neuen Infektionen auftreten, soll nahezu alles wieder erlaubt werden. Bei höheren Zahlen wird es strenger und ab einem Inzidenzwert oberhalb von zehn gilt ein strenger Lockdown.

Fuest beobachtet unabhängig von der Frage der Verbote eine Zurückhaltung, die die Wirtschaft in der Pandemie lähmt. Er zieht Parallelen zum Alltagsverhalten: Die meisten Menschen würden, auch wenn es erlaubt wäre, während einer grassierenden Seuche nicht ins Kino oder Konzert gehen. Fuests Folgerung: Erst die Pandemie besiegen, dann wieder öffnen. Das würde auch der Wirtschaft am meisten bringen.

Fuests präsentester Gegenpart ist Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft. Er hält das Ziel der Virus-Ausrottung für aussichtslos. „Wir müssen uns gesellschaftlich darauf einrichten, dass mit Impfung und allen anderen Maßnahmen es auch künftig eine Virus-Bedrohung und auch Virus-Sterblichkeit gibt“, sagt er. Todesfälle habe auch der Lockdown nicht verhindert, sagt er dem Fernsehsender ntv und verweist auf die fehlende Schutzstrategie für Alten- und Pflegeheime.

Fabriken sollen weiterarbeiten

Dabei geht es weder um komplette Öffnung, noch um Stillstand. Auch Fuest will die Wirtschaft nicht voll herunterfahren und Fabrikschließungen vermeiden. Irgendwer muss die Milliarden für die Pandemie- und Lockdown-Folgen ja erwirtschaften. Spätestens an diesem Punkt tun sich enorme Differenzen zur antikapitalistischen Zero-Covid-Gruppierung auf, die ebenfalls das Virus ausrotten, aber dabei auf die Wirtschaft keine Rücksicht nehmen will. Umgekehrt will auch Hüther nicht alles gleichzeitig aufmachen. Er spricht von einer schrittweisen Öffnung. An bestimmten Inzidenzwerten orientierte Stufenpläne lehnt er dagegen ab, weil damit auch ein automatisierter Rückfall in den Lockdown verbunden wäre.

Streit um den Inzidenzwert

Einen sehr deutlichen Unterschied gibt es bei der Einschätzung des Inzidenzwerts als Richtgröße, der die positiv getesteten Menschen ins Verhältnis zur Bevölkerungszahl setzt, und damit das Infektionsgeschehen abzubilden versucht. Fuest und seine No-Covid-Mitstreiter akzeptieren den Wert als Messlatte. Hüther hält die Zahlen für wenig aussagekräftig. „Ich bezweifle, dass die Inzidenzzahl wirklich so relevant ist, da wir über die Dunkelziffer nichts wissen“, sagte er dem „Handelsblatt“. „Da sind wir im Blindflug unterwegs.“

Es gibt auch Überschneidungen

Geht es vom Grundsätzlichen weg ins Detail, werden die Unterschiede geringer: Für umfassendes Testen, eine wirksame Warn-App und eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken spricht sich Hüther aus. Kostenlose FFP2-Masken, kostenlose Tests an Schulen und Arbeitsplätzen gehören auch zum Repertoire der No- Covid-Vertreter,

Am Ende steht eine Glaubensfrage: Lässt sich ein Virus, das sich einmal breitgemacht hat, verdrängen? Nur einmal ist das gelungen. Das für den Menschen gefährliche Pockenvirus gibt es nur noch in russischen und amerikanischen Labors. Die jahrtausendelang grassierende Seuche wurde – als bisher einzige – von der Weltgesundheitsorganisation am 8. Mai 1980 für ausgerottet erklärt.

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