München – Seit Anfang März ist Roland Busch neuer Siemens-Chef, am Freitag hat er in dieser Funktion erstmals die Halbjahreszahlen des Konzerns präsentiert – und die waren dank guter Geschäfte mit der Autoindustrie sowie Maschinenbauern und einer kräftigen Nachfrage aus China überraschend positiv: „Ich freue mich sehr, dass wir in all unseren Geschäften exzellente Ergebnisse liefern und profitabel wachsen – trotz anhaltender Unsicherheiten“, sagte der Nachfolger von Joe Kaeser in München.
Im zweiten Quartal – bei Siemens beginnt das am 1. Januar und endet am 31. März – erwirtschaftete der Konzern mit 2,4 Milliarden Euro einen mehr als dreimal so hohen Gewinn wie im entsprechenden Zeitraum ein Jahr zuvor. In diesem Gewinn enthalten ist laut Siemens ein einmaliger Ertrag aus dem Mitte März abgeschlossenen Verkauf von Flender in Höhe von rund 0,9 Milliarden Euro. Aber auch ohne diesen Effekt hätte Siemens das Vorjahresquartal deutlich übertroffen – damals lag der Gewinn bei 697 Millionen Euro.
Der Konzernumsatz kletterte von 13,8 Milliarden Euro im zweiten Quartal des Vorjahres auf 14,7 Milliarden Euro in diesem Jahr. Angesichts der positiven Zahlen erhöhte Busch die Prognose, er geht jetzt von einem Jahresgewinn zwischen 5,7 und 6,2 Milliarden Euro aus.
„Unsere Kunden bringen uns großes Vertrauen entgegen. Das zeigen Auftragslage und Umsatz im zweiten Quartal eindrucksvoll“, begründete Busch die guten Geschäfte. „Wachstumsimpulse kamen insbesondere aus der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und unserem Softwaregeschäft sowie, geografisch betrachtet, aus China“, sagte er.
An der Börse in Frankfurt kamen die Nachrichten aus München gut an: Nach Veröffentlichung der Ergebnisse legte die Siemens-Aktie am Freitagvormittag um mehr als drei Prozent zu.
Letztlich profitierten alle Sparten: Sowohl Siemens Mobility als auch Smart Infrastructure berichteten von höheren Umsätzen, das stärkste Umsatzplus verzeichnete der Bereich Digital Industries. Hier verkauft Siemens Automatisierungslösungen an Industriekunden, Busch nannte als Beispiel etwa das Mercedes-Benz Werk in Berlin-Marienfelde, wo Siemens den gesamten Produktionsprozess digitalisieren und für mehr Energieeffizienz sorgen will.
Die Frage, ob der hohe Gewinn im zweiten Quartal nach dem historischen Konzernumbau unter Joe Kaeser das „neue Normal“ ist, wollte Busch nicht eindeutig beantworten. Dafür seien die Unsicherheiten zu groß. Siemens sieht sich wegen der Corona-Pandemie mit teils gegenläufigen Effekten konfrontiert. Zum einen geht Busch davon aus, dass die Pandemie die Digitalisierung und die Automatisierung der Industrie beschleunigen wird. Damit wäre Siemens Krisenprofiteur.
Gleichzeitig gibt es Corona-bedingte Faktoren, die dämpfend wirken könnten. So waren im zweiten Quartal bei den Aufträgen Nachholeffekte zu beobachten, die wieder abflauen könnten. Auch rechnet Busch nach den Lockerungen staatlicher Corona-Maßnahmen mit höheren Reise- und Marketingkosten, etwa für Messen – das würde die Gewinne schmälern. Und der Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers, an der die Münchner einen 75-prozentigen Anteil halten, profitierte unter anderem durch den Verkauf von Corona-Schnelltests. Finanzvorstand Ralf Thomas hofft schon aus „ethisch-moralischen Gründen“, dass solche Geschäfte bald wieder wegfallen.
Anders gesagt: Trotz der Ausgliederung von Siemens Energy im Herbst 2020 arbeitet der über 170 Jahre alte Konzern noch nicht im Normalbetrieb. SEBASTIAN HÖLZLE