Keine Kasse, kein Personal: Händler testen Supermarktkonzepte

von Redaktion

In Köln fährt seit gestern ein rollender Kiosk ohne Fahrer durch die Stadt – Große Handelsketten prüfen neue Ideen

Köln – Ein rollender Kiosk ohne Fahrer, ein rund um die Uhr geöffneter Laden ohne Verkäufer, ein Supermarkt ohne Kasse: An immer mehr Orten in Deutschland testen große Handelsketten wie Edeka, Rewe oder Tegut zurzeit neue Wege, ihre Läden angesichts des boomenden Online-Handels zukunftsfähig zu machen.

In Köln testen Rewe und Vodafone seit gestern den nach ihren Angaben „europaweit ersten autonom fahrenden Kiosk“. Ohne Fahrer oder Verkäufer soll das Snackmobil im Kölner Gewerbecampus Carlswerk Passanten und Büroarbeiter mit Snacks, Süßigkeiten und Getränken versorgen. Wer Hunger oder Durst hat, braucht nur zu winken, schon unterbricht der rollende Kiosk seine Dauerschleife, sodass der Kunde einkaufen kann. Bezahlt wird kontaktlos – beispielsweise mit dem Smartphone.

Zur Sicherheit wird das Snackmobil zunächst noch von einem menschlichen Betreuer begleitet. Dennoch zeigte sich Vodafone Deutschland-Chef Hannes Ametreiter vom Zukunftspotenzial überzeugt: „Wir bringen autonome Fahrzeuge ins echte Leben.“

Fast alle großen deutschen Handelsketten suchen nach Konzepten für den Supermarkt der Zukunft. Rewe testet unter der Bezeichnung „Pick & Go“ in einer kleineren Filiale in der Zeppelinstraße in Köln das Einkaufen ohne Kasse. Kunden müssen sich beim Betreten des Geschäfts per App einchecken, packen die gewünschten Artikel ein und gehen wieder. Kameras, Sensoren und Computer erledigen den Rest. Sie registrieren, was eingepackt wird, erstellen die Rechnung und buchen das Geld ab. Noch ist das System nicht freigeschaltet. Bis September laufen noch Tests mit ausgewählten Mitarbeitern. Anders als bei ähnlichen Läden von Amazon kann in der Filiale auch ganz normal eingekauft werden, Bezahlung an der Kasse inklusive.

Edeka testet unterdessen im baden-württembergischen Renningen einen hochautomatisierten Tiny-Store, der ohne Verkaufspersonal auskommt und rund um die Uhr geöffnet ist. Die per App oder an Touchscreens bestellten Produkte werden von Greifrobotern zusammengestellt und zu einem Abholschalter transportiert. Bis zu 800 verschiedene Produkte können so angeboten werden. Bezahlt wird per Karte oder online per App.

Bereits drei Minimärkte ohne Verkaufspersonal hat Tegut im Großraum Fulda in Betrieb. Auch hier muss der Kunde eine App installieren, mit der er die Tür des Geschäfts öffnen kann. Im Laden nimmt er dann die Ware aus dem Regal und scannt sie. Das Bezahlen erfolgt bargeldlos per Karte oder App.

Die Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland), einer der größten Einzelhändler Europas, hat in Heilbronn ebenfalls erste Tests mit High-Tech-Shops gestartet. Eine breite Markteinführung bei Kaufland oder Lidl sei aber nicht geplant, dämpft das Unternehmen die Erwartungen.

Für die Experimentierlust der Handelsriesen gibt es gute Gründe. Gut 60 Jahre nach dem Siegeszug der Supermärkte in Deutschland scheint es Zeit, dass sich der Einzelhandel wieder einmal neu erfindet. Schließlich ist die Konkurrenz nur noch einen Mausklick entfernt. Der Onlinehandel mit Lebensmitteln hat in der Corona-Pandemie einen kräftigen Schub bekommen und seine Umsätze fast verdoppelt.

Die Vorteile der Online-Supermärkte sind offensichtlich: Sie haben 24 Stunden am Tag geöffnet es gibt keine Schlange an der Kasse. „Vor allem diese sind den Kunden ein Dorn im Augem, heißt es in einer Untersuchung des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI. „Die Kunden wollen einkaufen, nicht bezahlen. Das Anstehen empfinden sie vor allem als Zeitverschwendung und Belastung“, so die Studie. ERICH REIMANN

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