München – Man könnte es als den Versuch einer Flucht nach vorne sehen. Denn der Münchner Elektroautopionier Sono Motors will in einer ungewissen Lage nun an die US-Technologiebörse Nasdaq. Man habe bei der US-Börsenaufsicht SEC dazu ein Registrierungsformular eingereicht, erklärten die Entwickler des mit Solarzellen bestückten Stromers namens Sion. Weder die Anzahl angebotener Aktien noch deren Preis seien aber bislang bestimmt worden. Es könne auch nicht gewährleistet werden, ob und wann das Angebot abgeschlossen werden kann oder ob es tatsächlich erfolgt. Diese Formulierung dürfte mehr als ein bei solchen Gelegenheiten üblicher Vorbehalt sein.
Sono hat in einer kurzen Geschichte schon existenzbedrohende Episoden überstanden und befindet sich nun wieder in einer kaum einschätzbaren Lage. Denn gebaut werden soll das Elektroauto, das zur Reichweitenverlängerung mit Solarzellen bestückt ist, beim Auftragsfertiger Nevs in Schweden. Der ist eine Tochter des schwer angeschlagenen chinesischen Immobilienriesen Evergrande. Die Chinesen versuchen derzeit verzweifelt, Teile des hochverschuldeten Unternehmens zu verkaufen, um eine Pleite noch verhindern zu können. Auch Nevs sucht einen Käufer, was die Zukunft dieses entscheidenden Teils der Sono-Pläne völlig unklar macht.
Sono-Manager haben zwar in letzter Zeit immer wieder versichert, dass die Schieflage von Evergrande keine Auswirkungen auf die eigenen Produktionspläne in Schweden habe. Das wurde aber wegen der Unwägbarkeiten im Überlebenskampf der Nevs-Mutter Evergrande stets mit dem Zusatz „derzeit“ versehen. In der Summe drücken Evergrande rund 300 Milliarden Dollar an Schulden. Ein Verkauf von Nevs könnte bis zu einer Milliarde Dollar bringen. Diese Summe wird in Finanzkreisen genannt.
Dem Vernehmen nach steht Evergrande im Gespräch mit Finanzinvestoren und anderen Interessenten, die einen Kauf von Nevs erwägen. Wie wahrscheinlich in der aktuellen Lage aber ein Verkauf ist oder was die Folgen eines Scheiterns für Nevs und damit Sono wären, ist derzeit nicht seriös abschätzbar. Nevs verfüge über finanzielle Mittel, die „für eine ganze Weile“ reichen würden, versicherte Geschäftsführer Stefan Tilk vor wenigen Tagen der Nachrichtenagentur Reuters. Auch Tilk weiß, dass Nevs derzeit nur ein Spielball im Ringen von Evergrande um seine eigene Zukunft ist. Diese Ungewissheiten erklären auch die Vorbehalte, die Sono Motors hinsichtlich seiner Börsenpläne macht. Klar ist, dass sich alle Bedenken zur Sion-Produktionstätte in Schweden klären müssen, bevor ein Börsengang wirklich erfolgen kann. Nevs hat die dortigen Reste des Ex-Autobauers Saab 2012 übernommen und baut in China auf Basis eines früheren Saab-Modells ein Elektroauto für den dortigen Markt.
Sono will den Sion strikt nachhaltig ab 2023 in Schweden bauen lassen. Insgesamt 260 000 Fahrzeuge sollen dann binnen acht Jahren vom Band rollen.