Siemens-Chef: „Wir sind zwei Schritte voraus“

von Redaktion

VON SEBASTIAN HÖLZLE

München – Einen kleinen Seitenhieb auf den US-Rivalen General Electric (GE) konnte sich der Siemens-Vorstand dann doch nicht verkneifen: „Wir sind eigentlich zwei Schritte voraus“, sagte Siemens-Chef Roland Busch am Donnerstag bei der Bilanzvorlage des Konzerns in München. Der Industiekonzern aus Boston hatte am Dienstag die Aufspaltung in drei separate Unternehmen angekündigt, entstehen sollen GE Aviation, GE Healthcare und ein weiteres Unternehmen.

Der Siemens-Konzern hat einen ähnlichen Umbau bereits hinter sich. Unter der Führung von Joe Kaeser waren die Medizintechnik-Sparte als Siemens Healthineers und die Kraftwerkssparte als Siemens Energy als eigenständige Firmen an die Börse gebracht worden. Seitdem konzentriert sich die verbliebene Siemens AG auf Geschäfte mit Industrieautomatisierung, Industriesoftware, Infrastruktur und Gebäudetechnik. Geblieben ist nach dem Umbau auch die Bahn-sparte Mobility. Finanzvorstand Ralf Thomas sagte: „Wir haben das eingeleitet aus einer Position der Stärke.“ Dagegen habe der Vorstand von GE offenbar „etwas Handlungsdruck“ gehabt.

Dass die Münchner derart selbstbewusst auftreten, hängt auch mit den jüngsten Geschäftszahlen zusammen. Auf seiner ersten Bilanzpressekonferenz als Vorstandsvorsitzender und ein Jahr nach der Abspaltung von Siemens Energy berichtete Siemens-Chef Busch von einem „erfolgreichen Start als fokussiertes Technologieunternehmen“ und einem „herausragenden Jahr“ (bei Siemens beginnt ein Geschäftsjahr regelmäßig am 1. Oktober und endet am 30. September).

Der Gewinn kletterte auf Jahressicht um 59 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro. Damit übertraf der Konzern seine Prognose, die er im Laufe des Geschäftsjahres bereits mehrfach erhöht hatte. Der Umsatz legte auf 62,3 Milliarden Euro zu, mehr als 11,5 Prozent als im Vorjahr auf vergleichbarer Basis (siehe Grafik). Die Aktionäre sollen mit einer Dividende von vier Euro je Aktie am Erfolg beteiligt werden – 50 Cent mehr als vor einem Jahr.

„Natürlich hat uns die spürbare Erholung der Wirtschaft beflügelt – in allen Regionen und speziell in Industrien wie Automobil, Maschinenbau, Elektronik und den meisten Infrastrukturbranchen“, sagte Busch. „Ich möchte an dieser Stelle herausheben, dass alle Geschäfte wieder deutlich über dem Niveau liegen, das sie vor der Pandemie im Geschäftsjahr 2019 hatten.“ Siemens habe nicht nur den Rückschlag aufgeholt, sondern sei auch gewachsen und habe Marktanteile hinzugewonnen.

Damit hat der Konzern rein wirtschaftlich betrachtet die Pandemie hinter sich gelassen – zumindest vorerst. Busch räumte ein, dass das Gesamtumfeld schwierig bleibe. „Wir haben weiterhin Herausforderungen durch die Pandemie, Risiken in der Lieferkette, Teilemangel und steigende Kosten“, sagte er. Die Folge: Siemens-Produkte und -Dienstleistungen werden für viele Kunden teurer. Wörtlich sprach Busch von „preislichen Anpassungen“, um die Profitabilität des Konzerns nicht zu schmälern. Gleichzeitig setzt Busch die Strategie von Joe Kaeser fort, einzelne Geschäftseinheiten aus dem Konzern zu lösen.

Jetzt ist Siemens Large Drives an der Reihe. Der Hersteller von großen Elektromotoren, Antrieben, Generatoren mit weltweit rund 7000 Mitarbeitern – unter anderem in Nürnberg und dem niederbayerischen Ruhstorf – soll rechtlich ausgegliedert werden. „Wir werden dem Geschäft für große Antriebe mehr unternehmerische Freiheit geben“, bestätigte Busch.

Neu aufgestellt wird auch Siemens Logistics: Die Spezialfirma aus Konstanz mit Standorten unter anderem in Nürnberg stellt Produkte für die Brief- und Paketautomation her und bietet technische Lösungen für die Flughafenlogistik – etwa für die Gepäck- und Frachtabfertigung. Jetzt soll Siemens Logistics in zwei Geschäfte aufgeteilt werden: „Zum einen in Logistiklösungen für Post und Pakete, zum anderen für Flughäfen, weil diese Märkte ganz unterschiedlichen Anforderungen und Entwicklungen unterliegen“, sagte Busch. Der Umbau des Siemens-Konzern geht damit weiter – anders als beim US-Rivalen GE inzwischen aber in kleineren Schritten.

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