Harter Wettbewerb um Fachkräfte

von Redaktion

INTERVIEW IHK-Chef: Anreize für Weiterarbeit von Ruheständlern schaffen

München – Der Fachkräftemangel ist zu einem der gravierendsten Probleme auch für die bayerische Wirtschaft geworden. Wir sprachen darüber mit dem Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, Manfred Gößl.

Der Fachkräftemangel wird nicht nur zur Wachstumsbremse, sondern sorgt dafür, dass immer mehr Geschäfte schließen müssen – einzig und allein, weil sie keine Leute mehr finden.

Das ist das am besten prognostizierte Problem Deutschlands – seit vielen Jahren klar absehbar. So dramatisch die Lage ist, umkehren können wir sie nicht mehr. Die Zahl der Schulabgänger wird in den nächsten Jahren nicht steigen und Arbeitnehmer werden nicht auf den Schlag durchschnittlich länger arbeiten. Bis zum Jahr 2030 werden wir in Bayern eine Fachkräftelücke von mehr als 600 000 Erwerbstätigen haben, und bei dieser Zahl ist der erwartete Produktivitätsfortschritt, etwa durch Automatisierung und Digitalisierung, sowie eine Fachkräftezuwanderung wie in den vergangenen Jahren schon eingerechnet.

Sie sagen, man kann nichts mehr dagegen tun?

Wir können den grundlegenden demografischen Trend nicht mehr brechen, dass es in den nächsten 15 Jahren mehr Neurentner als Schulabgänger geben wird. Aber wir können und müssen lebenslang qualifizieren, Anreize zur Arbeitsaufnahme verbessern, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit vor allem Frauen stärken, qualifizierte Zuwanderung erleichtern, fleißigen und gut integrierten Asylbewerbern das Bleiberecht geben. Und, so schmerzlich es ist, ehrlicherweise dürfen auch längere Arbeitszeiten kein Tabu sein, wie sie zum Beispiel in europäischen Nachbarländern wie der Schweiz gelten, oder flexiblere Renteneintritte.

Das wird bei Menschen, die körperlich arbeiten, nicht gut ankommen.

Ich komme selbst aus einem Arbeiterhaushalt und weiß, dass ein Maurer oder eine Krankenschwester mit 65 anders zu behandeln sind als jemand, der im Büro arbeitet. Es muss auch nicht jeder, der über das Rentenalter hinaus arbeitet, ganztags arbeiten. Auch ein paar Stunden helfen enorm. Natürlich muss es Anreize dafür geben. Wer aber genau hinschaut, erkennt, dass heute schon Ruheständler enorm gefragt sind und anpacken, teils weil sie auch gerne noch aktiv sind, teils weil sie finanziell auch müssen.

Und dennoch wird es Ihrer Ansicht nach keine richtige Lösung des Problems geben.

Nein. Wir stehen erst am Anfang des Problems. Durch die Knappheit an Fachkräften wird es bei jeder Aufgabe immer wichtiger zu prüfen, wie wir diese mit weniger Arbeitseinsatz erledigen können. Nicht nur in der Industrie, auch im Dienstleistungssektor wird es noch viel mehr Automatisierung geben. Automatisches Einchecken im Hotel, Zimmerservice nicht mehr täglich, Selbstbedienung im Restaurant. Arbeit bleibt knapp, es wird einen harten Wettbewerb geben um Auszubildende und um Fachkräfte, egal ob beruflich qualifiziert oder akademisch. Wir brauchen jedes Talent.

Interview: Corinna Maier (Teil II folgt)

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