Fachkräftemangel: Höhepunkt kommt noch

von Redaktion

VON ANDREAS HOENIG

Berlin – Die deutsche Wirtschaft hat vor einer massiven Verschärfung des Fachkräftemangels in den kommenden Jahren gewarnt. „Der Höhepunkt des Fachkräftemangels kommt erst noch“, sagte DIHK-Präsident Peter Adrian. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sagte: „Der Fachkräftemangel bleibt ein Topthema für die deutsche Wirtschaft und für unsere Wettbewerbsfähigkeit in den kommenden Jahren. Wir brauchen qualifizierte Zuwanderung.“ Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer sagte: „Nur mit beruflich qualifizierten Fachkräften des Handwerks sind die Klimaschutzziele, die Energieeffizienzziele, die E-Mobilität, der Ausbau der Ladesäulen und der Infrastruktur möglich.“

Im Handwerk seien bereits im Moment fast 2,5 Millionen Mitarbeiter in den Bereichen Klima- und Umweltschutz, Energieeffizienz und Energieversorgung, energetische Gebäudesanierung, dem Ausbau Erneuerbarer Energien und E-Mobilität tätig. „Doch für all diese Aufgaben reicht das nicht, das ist zu wenig“, sagte Wollseifer.

Allein im Handwerk blieben jedes Jahr um die 18 000 Ausbildungsplätze unbesetzt, welche die Betriebe gerne besetzen würden. Es fehlten Bewerber, nicht die Plätze. „Es hätte in den vergangenen zehn Jahren die Möglichkeit gegeben, rund 200 000 junge Leute mehr zu Fachkräften zu machen, wenn auf allen Ausbildungsplätzen, die unsere Betriebe angeboten haben, auch tatsächlich Jugendliche eine Ausbildung gemacht hätten.“ Vor der Pandemie habe der Fachkräftebedarf im Handwerk nach Schätzungen bei mindestens einer Viertelmillion gelegen.

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks sprach sich für eine Fachkräfteinitiative aus. „Wir müssen alles daransetzen, so rasch wie möglich tatsächlich die Wende hinzubekommen zu mehr Wertschätzung der beruflichen Ausbildung.“ Der entscheidende Hebel, um die Fachkräftelücke zu schließen, bleibt es, in Deutschland mehr junge Menschen zu qualifizierten Fachkräften auszubilden. Deshalb gehöre die berufliche Bildung als höchste Priorität in den Fokus politischen Handelns. „Wir brauchen einen Bewusstseinswandel in diese Richtung“, der müsse im Jahr 2022 kommen. „Sonst läuft das Ganze aus dem Ruder“, sagte der Handwerkspräsident, bevor die Versorgung mit handwerklichen Leistungen nicht mehr gewährleistet werden könne. „Beruflich qualifizierte Fachkräfte anzuwerben, die unsere Wirtschaft hier am Laufen halten, das ist ein weiterer Weg“, sagte Wollseifer. Bislang habe sich die Anwerbung zu sehr auf den akademischen Bereich konzentriert. „Aber auch wenn wir unsere Anstrengungen hier jetzt zu Recht verstärken, werden wir es nach meiner Einschätzung nicht schaffen, innerhalb von kurzer Zeit zehntausende fachlich qualifizierte Leute pro Jahr nach Deutschland zu holen.“

Arbeitgeberpräsident Dulger sagte: „Die ersten Jahrgänge der Babyboomer gehen schon in Rente.“ 2025 komme die „demografische Wende“ mit voller Wucht. Dann komme der Punkt, an dem mehr Menschen in Rente gehen, als auf den Arbeitsmarkt nachrücken. Dann explodierten die Beiträge oder die Steuern.

Die neue Bundesregierung müsse die Verfahren für eine gezielte und qualifizierte Fachkräftezuwanderung vereinfachen, beschleunigen und bürokratische Hürden abschaffen, sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. „Wir brauchen ein funktionierendes Gesetz, das qualifizierte Zuwanderung ermöglicht und das aber auch einen Apparat vorhält, wo Bewerber zu jeder deutschen Botschaft im Ausland hingehen können und sagen können: An wen kann ich mich wenden, ich bin qualifiziert und möchte gerne nach Deutschland einwandern, um mir und meiner Familie eine gute Zukunft ermöglichen zu können.“

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechne bis Ende des Jahrzehnts mit einem demografisch bedingten Rückgang um drei bis vier Millionen Arbeitskräfte. „Da ist die Frage: Wie können wir gegensteuern?“ Zum einen müsse die duale Ausbildung noch attraktiver gestaltet werden. Er wünsche sich auch mehr Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, so DIHK-Chef Adrian. Auch bei der Einwanderung von Fachkräften müsse Bürokratie abgebaut werden, etwa bei der Visavergabe.

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