Apfelbäume für den Klimaschutz

von Redaktion

VON MATTHIAS SCHNEIDER

Erding – Summende Insekten, ein Plätzchen im Schatten, ein frischer Apfel direkt vom Ast: Streuobstwiesen sind für viele Spaziergänger beliebte Wegmarken und Rastplätze. Für die Erdinger Saftkelterei Wolfra sind sie die Quelle ihrer Rohstoffe – und bald der Weg in die Klimaneutralität:

„Wir wollen in bestehenden Streuobstwiesen zusätzlichen Kohlenstoff speichern – sowohl durch Neupflanzungen als auch durch Humusaufbau“, erklärt Norbert Sima, Geschäftsführer bei Wolfra. Denn die Kelterei hat es sich, wie viele andere, zum Ziel gesetzt, klimaneutral zu werden. Norbert Sima will dabei aber nicht nur Kohlenstoff binden, sondern einen Mehrwert erzeugen: „Natürlich könnten wir günstig CO2-Kompensationszertifikate aus Entwicklungsländern kaufen – aber das passt nicht zu uns“, sagt Sima. Denn das 1930 in Wolfratshausen gegründete Unternehmen bezieht sein Obst ausschließlich aus Bayern und vermarktet seine Produkte fast nur im Freistaat. „Die Streuobstwiesen sind unsere DNA, deshalb wollen wir auch beim Klimaschutz mit ihnen arbeiten.“ Dafür sollen die Flächen nachverdichtet werden: „Wenn wir statt 50 Bäumen 100 Bäume pro Hektar anpflanzen, speichern wir damit im Schnitt jedes Jahr 1,5 Tonnen CO2 pro Hektar.“ Und davon gibt es eine ganze Menge: „Wir haben für den ersten Schritt 120 Obstbauern der Rottaler Obstverwertung angeschrieben, die verfügen über eine Fläche von etwa 115 Hektar“, sagt Sima. Bei der geplanten Nachverdichtung wäre das eine negative CO2-Bilanz von circa 173 Tonnen pro Jahr.

„Daneben wollen wir anfangen, das abgemähte Gras in die Erde einzuarbeiten – also zu mulchen“, erklärt Sima.

Mit dem Kohlenstoff aus dem Grasschnitt soll eine nährstoffreiche Humusschicht aufgebaut werden. Diese speichert nicht nur CO2, sondern nutzt auch den Bäumen in der Anpassung an den Klimawandel. „Wenn die Erderwärmung weiter steigt, müssen wir mit heißeren und trockeneren Sommern rechnen, die den Boden ausdörren – und Humus kann sowohl Feuchtigkeit, als auch Nährstoffe besser halten“, sagt Sima. Durch die Doppelnutzung will der Wolfra-Geschäftsführer die Streuobstwiesen wirtschaftlich langfristig attraktiv machen: „Damit verhindern wir auch, dass der Obstbau irgendwann unrentabel wird und die Bäume gefällt werden.“

Denn das wäre vor allem ökologisch ein Verlust: „Streuobstwiesen sind eine alte Kulturlandschaft und bieten vielen Arten – vor allem Insekten – einen wichtigen Lebensraum.“ Ohne diese Rückzugsräume könnte sich das ohnehin schon dramatische Insektensterben weiter verstärken. „Ohne Bestäuber – und das sind bei Weitem nicht nur die Bienen – wäre kein Leben auf der Erde mehr möglich“, warnt Sima.

Von der Investition in die Streuobstwiesen profitieren aber nicht nur die Insekten, sondern auch die Landwirte der Rottaler Obstverwertung: „Wir haben zu den etwa 1500 Obstbauern seit Jahrzehnten eine enge Beziehung, deshalb bezahlen wir auch gerne für die Pflanzungen und das Mulchen“, sagt Sima. „Wir wollen keine Plantagenäpfel verwenden, den gewünschten Geschmack bekommen wir nur von hochstämmigen, tief wurzelnden Bäumen“, sagt Sima.

Welche Wirkung die Nachverdichtungs-Maßnahmen auf die Böden haben, gilt es noch herauszufinden: „Wir versuchen hier etwas vollkommen Neues, deshalb wird die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft Bodenproben aus dem Projekt analysieren“, erklärt Sima.

Er ist optimistisch, dass es funktionieren wird. „Unabhängig davon schaffen wir neue, effizientere Maschinen an. Mit beiden Maßnahmen zusammen werden wir einen Teil des Fußabdrucks kompensieren, den wir als Unternehmen haben.“

„Die ersten Bäume wollen wir pflanzen, bevor die Triebe sprießen“, sagt Norbert Sima.

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