Erdgas: Angst vor strengem Winter

von Redaktion

VON THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

München – Was passiert, wenn der Gashahn zwischen Russland und Deutschland von einer Seite zugedreht wird, ist umstritten. Das Energieberatungsunternehmen Aurora Energy Research hat sich an einer Prognose versucht und ein wahrscheinlichstes Szenario für den Zeitraum bis März 2023 berechnet. „Dann würden zwei bis fünf Milliarden Kubikmeter fehlen“, sagt Aurora-Experte Casimir Lorenz und unterstellt für 2022 einen deutschen Gasverbrauch von 82 Milliarden Kubikmetern. Gegenüber den Vorjahren unterstellt dieses Volumen bereits einige Einsparungen.

Die kalkulierte Fehlmenge klingt auf den ersten Blick überschaubar. „Aber wir müssten dann schon stark in die Industrie reinschneiden“, sagt Lorenz zu den Folgeeffekten. Wer genau nicht mehr beliefert wird, sei eine politische Entscheidung oder man überlasse das dem Markt, sagt der Experte und plädiert für Letzteres. Ein Mangel an Gas würde den Preis dafür nochmals stark erhöhen, was sich nicht mehr jedes Unternehmen leisten könne. Über den Preis würde sich die Nachfrage dann soweit reduzieren, dass möglicherweise keine staatlich verordneten Beschränkungen mehr nötig wären. Aber dieses Szenario gilt nur, wenn das Wetter mitspielt.

„Bei einem kalten Winter fehlen zehn bis zwölf Milliarden Kubikmeter“, kalkuliert Lorenz. Dann würde es wirklich ungemütlich vor allem für nicht geschützte Bereiche wie die Industrie. Denn von den 82 Milliarden Kubikmetern gesamtdeutschen Gasverbrauchs für 2022 entfielen nach der Aurora-Prognose knapp 30 Milliarden auf Industriekunden. Bei einem milden Winter würden damit bis zu 20 Prozent Industriegas fehlen, bei einem kalten aber das Doppelte dessen.

Eingerechnet in ihre Schätzungen hat Aurora diverse Möglichkeiten, sich von russischem Gas relativ kurzfristig unabhängiger zu machen.

Zum einen könnte mehr Pipelinegas aus Norwegen oder Aserbaidschan als bisher nach Deutschland fließen oder US-Flüssiggas (LNG) über schwimmende LNG-Terminals an deutsche Küsten angelandet werden. „Ein erster schwimmender Terminal könnte 2022 bereitstehen“, sagt Lorenz. Andere Ersatzlieferländer sieht er kurzfristig nicht. Allgemein problematisch sei, dass Gaslieferverträge branchenüblich langfristig geschlossen werden und auf internationalen Märkten kurzfristig nur relativ geringe LNG-Mengen erworben werden könnten.

Begrenzt ist auch das Gasvolumen, das bei Verstromung eingespart werden kann. Gerade neun Prozent des deutschen Gasverbrauchs fließen in Kraftwerke zur Stromerzeugung, rechnet Stefan Ulreich vor. 37 Prozent und damit der Großteil allen Gases werde durch Industrieproduktion verbraucht, weitere 31 Prozent durch private Haushalte, weiß der Professor für Energiehandel an der Hochschule Biberach. Auf EU-Ebene hält er es für realistisch, den Lieferanteil von russischem Gas binnen Jahresfrist durch neue Lieferländer, Ausbau erneuerbarer Energien oder eine Absenkung der Raumtemperatur um ein Grad Celsius von zuletzt 40 auf 24 Prozent zu drücken.

Umso wichtiger sei, schon jetzt damit zu beginnen, deutsche Gaskraftwerke bei der Stromerzeugung durch Kohlekraftwerke zu ersetzen, fordert Christian Seyfart. Er ist Hauptgeschäftsführer des Verbands Energie- und Kraftwirtschaft. „Wir müssen Erdgas sofort aus der Stromerzeugung rausnehmen und Kohlekraftwerke nicht erst bei einer Gasmangellage ans Netz bringen, um unsere Gasspeicher aufzufüllen“, argumentiert der Manager. Die Vorbereitung auf den Ernstfall eines Gaslieferstopps aus Russland erlaube keinen Aufschub.

Die größten Möglichkeiten, um sich von russischem Gas unabhängig zu machen, sieht auch Aurora Energy in Flüssiggas. Würden nun alle Register gezogen, wäre nach dem Winter 2023/24 das Schlimmste überstanden. „Der nächste Winter ist die kritische Phase“, betont Lorenz. Erst 2027/28 werde Deutschland und die EU voraussichtlich jedoch in eine Lage kommen, wo keinerlei Gas-Engpass mehr zu befürchten ist.

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