Der deutsche Dax, der US-Nasdaq und der chinesische Hang Seng stehen unter Druck, der Euro ist gestern auf ein Zwei-Jahres-Tief gefallen. Welche Möglichkeiten Anleger jetzt haben, erklärt Manfred Bucher, Aktienanalyst bei der BayernLB.
Herr Bucher, Angst und Unsicherheit sind bekanntlich Gift für Aktien. Wie ist die Lage an den Märkten?
Wir haben eine ganze Reihe von Belastungsfaktoren. Die US-Notenbank Fed hat angekündigt, in den nächsten Sitzungen die Zinsen zu erhöhen, um die Inflation zu bekämpfen. Gleichzeitig haben wir in den USA eine Konjunkturverlangsamung, weil die Fiskalprogramme auslaufen und die steigende Inflation Kaufkraft entzieht. In Europa sind vor allem die Kriegsrisiken ein Faktor. Dazu kommen die Lieferkettenprobleme in China, die durch die rigorose Null-Covid-Strategie entstehen.
Shanghai hat kürzlich einen neuen Höchststand an Corona-Toten gemeldet, ist ein Ende der Lockdowns in Sicht?
Es gibt vorsichtige Signale, dass die Politik sich ändern könnte. Für die chinesische Regierung ist es eine Zwickmühle. Sie muss einerseits aus wirtschaftlichen Gründen aus der Null-Covid-Politik aussteigen, die Probleme zeigen sich ja auch am Einbruch des chinesischen Aktienmarkts. Andererseits muss China – aus politischen Gründen – den Kurswechsel gesichtswahrend vollziehen.
Welche Bedeutung hat der chinesische Aktienmarkt für Europa?
Besonders Deutschland als großer Exporteur von Autos und Maschinen ist stark von der chinesischen Nachfrage abhängig. Läuft die Konjunktur in China schlecht, schadet das auch uns. Die bisherigen Stimulierungsmaßnahmen der Zentralbank haben am Aktienmarkt noch nicht gefruchtet, nun scheinen aber auch große Investitionen in Infrastruktur zur Belebung der Wirtschaft hinzuzukommen.
Also wird China wieder interessant?
Kurzfristig bleibt durch die strengen Lockdowns das Risiko, dass die Lieferketten unterbrochen werden. Mittelfristig gibt es regulatorische Gefahren, weil in China ein autoritäres Regime herrscht. Daher ist zunächst weiter Vorsicht angebracht.
Und was ist an den US-Märkten zu erwarten?
Die Fed wird die Zinsen weiter anziehen, auf den nächsten beiden Sitzungen erwarten wir jeweils 50 Basispunkte plus. Wir sehen aber auch, dass an den Märkten vieles schon eingepreist ist. Wir erwarten eher, dass die Fed Richtung 2023 weniger streng agiert, als es an den Märkten eingepreist ist. Das erkennen wir auch daran, dass viele Investoren derzeit eher pessimistische Annahmen treffen. Grundsätzlich erwarten wir in den kommenden sechs Monaten einen volatilen Seitwärtsmarkt. In Richtung zwölf Monate rechnen wir dann mit moderat steigenden Kursen. Die Basis für diese Annahme ist, dass die US-Inflation nicht weiter steigt und die Fed deshalb nicht stärker auf die Bremse treten muss.
Also sind in den USA alle Risiken schon eingepreist, die Aktien also ein Schnäppchen?
Nicht unbedingt, die Tech-Werte wie Google und Apple leiden derzeit unter den steigenden Zinsen und sind immer noch ziemlich hoch bewertet, dominieren aber die großen Indizes. Als Anleger würde sich auf eine stärkere Beimischung von Aktien mit Substanzwert achten, wie Banken, Telekommunikation, Versicherungen oder Pharma.
Und in Europa?
Hier ist die Inflation bisher ein geringeres Problem als in den USA. Die Kriegsrisiken sind eine größere Belastung. Bei einer weiteren Eskalation müssten wir mit einer weiter steigenden Inflation rechnen und auch eine Rezession wäre wahrscheinlich. Ein wesentlicher Faktor wäre hier ein Gasembargo. Und Deutschland, das besonders abhängig vom russischen Gas ist, würde dann auch auf Europa ausstrahlen.
Wie schlimm könnte es den Dax treffen?
Eine Prognose ist schwer, es hängt von vielen Faktoren ab, etwa wie schnell Ersatz verfügbar ist. Besonders gut sieht es da wohl nicht aus, sonst wäre die Regierung einem Embargo gegenüber offen.
Ist ein Gas-Stopp im Dax schon eingepreist?
Viel Angst ja, aber kein Gas-Stopp. Da gäbe es noch Luft nach unten. Die 13 000 Punkte wären in diesem Szenario sicher in Gefahr.
Entscheidend ist auch der Kurs der Europäischen Notenbank EZB.
Deren Kurs wird sich nach den Inflationsprognosen im Juni richtet. Der erste Schritt wird sein, dass man im dritten Quartal – wohl schon im Juli – die Nettoanleihekäufe aus dem APP-Programm beendet. Dann wäre der Weg frei für die erste Zinserhöhung. Das beschäftigt auch den Aktienmarkt. Als Optionen stehen Juli, September und Dezember im Raum.
Was bedeutet das für europäische Aktien?
Grundsätzlich erwarten wir keinen großen Einfluss, weil die Zinserhöhung bereits eingepreist ist. Das hängt aber etwas vom Zeitpunkt ab. Unsere Prognose ist Dezember, falls es schon im Juli soweit ist, könnte es eine kleine Negativ-Überraschung sein. Später im Jahr sollte es keinen großen Effekt haben.
Welche Märkte sind unabhängiger vom Kriegsgeschehen?
Japan ist vom Kriegsgeschehen wahrscheinlich weniger stark betroffen, derzeit relativ niedrig bewertet und auch weniger zinssensitiv. Bei japanischen Aktien sehen wir daher Chancen. Auch Schwellenländer sind spannend. Aber hier ist Vorsicht geboten: In vielen Schwellenländer-Indizes ist China sehr stark gewichtet, inklusive der bereits besprochenen Risiken.
Interview: Matthias Schneider