Materialnot: Kurzarbeit trotz Boom am Bau

von Redaktion

INTERVIEW mit Handwerkspräsident Peteranderl – Betrieben laufen Kosten davon

München – Lieferengpässe, knappes Material, Kostenexplosion bei wichtigen Baustoffen und Personalmangel machen Bauunternehmern zunehmend das Leben schwer. So mancher Betrieb kann deshalb Projekte nicht beenden, muss Kundenanfragen ablehnen oder gar Kurzarbeit anmelden – trotz voller Auftragsbücher. Über die Lage der Branche in Bayern sprachen wir mit Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern – und selbst Bauunternehmer.

Herr Peteranderl, die Zinsen steigen – Bauen wird teurer. Es gab bereits Berichte, dass Bauherren die ersten Projekte auf Eis legen. Spürt das der Handwerker vor Ort?

Ja, das wird er spüren. Derzeit haben wir aber noch keine Informationen, dass es Engpässe gibt. Höchstens, dass es zu Verschiebungen in manchen Bereichen kommt und deswegen einzelne Partien frei werden. Dadurch können die Unternehmen den einen oder anderen Auftrag vorziehen. Aber die Auftragsbücher sind noch gut gefüllt.

Eigentlich ein Grund zur Freude.

Das größere Problem sind für die Betriebe die steigenden Materialpreise. Oftmals haben die Unternehmen Festpreise vereinbart, die sie dann auch einhalten müssen. Das führt zu Ertragseinbußen bei den Betrieben. Sie werden nämlich selten einen Auftraggeber finden, der von sich aus einige tausend Euro mehr zahlt.

Sie sagten, dass Aufträge vorgezogen werden können. Habe ich damit eine höhere Chance auf beispielsweise die Reparatur einer Heizung?

Kurzfristig eine neue Heizung zu bekommen, könnte problematisch werden. Es kann vielmehr passieren, dass man mehrere Monate warten muss. Entweder, weil der Installationsbetrieb schon so viele Aufträge im Vorlauf hat. Oder weil nicht mehr alle Produkte vorrätig sind.

Das heißt, die Terminfrage ist eher eine Materialfrage?

Ja. Und es ist auch abhängig vom Gewerk, ob dort vielleicht gerade ein Auftrag weggefallen ist und Kapazitäten frei werden. Es ist auch davon abhängig, ob man für private Auftraggeber, die öffentliche Hand oder für gewerbliche Kunden arbeitet. Bei Unternehmen mit vielen Gewerbeaufträgen wird anders kalkuliert. Weil dort die Preise zu schnell davonlaufen, was das Material anbelangt, bei Stahl, Holz, Beton und dergleichen.

Woran fehlt es und warum?

Es sind vor allen Dingen Stahl und Holz, aber auch Dämmstoffe. Russland und die Ukraine beispielsweise, sind wichtige Produzenten für Baustahl. Und auch viele Vorprodukte, zum Beispiel für die Fliesenherstellung, kommen aus der Ukraine.

Trifft es nur Produkte aus diesen Ländern?

Nein, in Polen beispielsweise wurden Aluminium-Werke abgeschaltet, weil sie in der Produktion zu viel Strom oder Gas verbrauchen. Dadurch wurde Aluminium knapp. Was sich wiederum auf Aluminiumkabel auswirkt. Aus Osteuropa kommt viel Kupfer, da gibt es ebenfalls Engpässe. Das hat zu einer Verteuerung bei Kupferkabeln und Kupferelementen für die Elektrotechnik geführt. Im Kunststoffbereich gibt es auch Engpässe, weil für die Produktion Vorprodukte aus der Raffination von Rohöl benötigt werden.

Ein langer Rattenschwanz …

Ja, da hängt vieles dran. Es kann auch sein, dass gerade im Bereich Heizung und Sanitär einzelne Elemente fehlen, Kunststoffdichtungen beispielsweise. Wenn diese nicht da sind, kann der Auftrag unter Umständen nicht beendet werden.

Was bedeutet das für Betriebe und Kunden?

Es kam beispielsweise bei Schreinern im Küchenbau schon vor, dass Spülmaschine, Waschmaschine und Kühlschrank nicht geliefert werden konnten. In diesen geräten sind Halbleiter und Chips verbaut, die aktuell fehlen. Dann können die Schreiner zwar die Küchenschränke montieren, aber die Geräte nicht einbauen. Oder der Fliesenleger kann den Boden nicht fliesen. Im Bau und Ausbau müssen heutzutage sehr viele Zahnräder ineinandergreifen greifen, bevor ein Gewerk abgeschlossen werden kann.

Wie wirkt sich der Materialmangel auf die tägliche Arbeit auf dem Bau aus?

Das kommt aufs Unternehmen an. Bei großen Baustellen kann man die Verzögerung vielleicht mit anderen Tätigkeiten überbrücken. Andere Betriebe müssen entweder Kurzarbeit anmelden oder die Verzögerung durch Abbau von Überstunden ausgleichen. Manchmal kann man auch einen kleinen Auftrag dazwischenschieben.

Neben alldem fehlt Personal.

Ja, der Fachkräftemangel ist nach wie vor groß. In bestimmten Bereichen wird händeringend nach qualifizierten Leuten gesucht. Allein im Heizung-Sanitär-Handwerk sollen bundesweit etwa 60 000 Stellen frei sein.

Kritiker meinen, dass die Baubranche effektiver wäre, wenn sie digitaler wäre. Wie sehen Sie das?

Das ist der subjektive Eindruck von außerhalb. Das Bauhandwerk ist digitaler als manch andere Branche. Natürlich gibt es noch Betriebe, die weitgehend auf Digitalisierung verzichten und wie vor 20 Jahren arbeiten. Wir haben aber auch Unternehmen mit einem hohen Digitalisierungsgrad. Die setzen alle Hilfsmittel ein, von der Drohne zur Dachbegutachtung bis zum Vollscanner, der jeden Abend aufgestellt wird, um den Baufortschritt zu dokumentieren. Wir sind dabei, Roboter für wiederkehrende Tätigkeiten einzusetzen, wie zum Beispiel das Schlitzeschlagen bei den Elektrikern. Es muss sich für die Unternehmen aber auch rechnen, solche Geräte anzuschaffen.

Interview: Lisa Fischer

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