München – Das Olympia-Stadion, der große Park, die U-Bahn: Die Sommerspiele 1972 haben München zur Weltstadt gemacht. Gleichzeitig wurden mit der ersten Live-Übertragung eines sportlichen Großereignisses technisch neue Maßstäbe gesetzt. Einen großen Anteil daran hat – bis heute – die Siemens AG. Unsere Zeitung hat einen exklusiven Blick in die Firmengeschichte werfen dürfen.
„Einer dieser Strahler hat 3500 Watt Leistung, das ist rund 350-mal so viel wie eine 100 Watt Zimmer-Glühbirne“, erklärt Florian Kiuntke, Leiter des historischen Instituts von Siemens in Neuperlach. Den mächtigen Strahler könnten zwei Erwachsene gerade so umfassen. „Davon hängen 550 Stück im Olympia-Stadion“, sagt Kiuntke.
Der Anspruch: Die Lampen sollen mit insgesamt zwei Millionen Watt heller scheinen als die Sonne: „Die Spiele waren eines der ersten Großereignisse, die in Farbe übertragen wurden“, erklärt der Historiker, „aber die frühen Farbfilme konnten entweder tags oder nachts bei Kunstlicht filmen“.
Dazwischen mussten die Rollen aufwendig ausgetauscht werden, „was bei einem sportlichen Wettkampf zu unangenehmen Unterbrechungen führte“, erklärt Kiuntke. Die Lösung: „Scheinwerfer, die so hell strahlen, dass es egal ist, ob es Tag oder Nacht ist“, sagt der Historiker. Einige der Originalscheinwerfer beleuchten das Stadion bis heute.
Die Spiele wurden nicht nur erstmals in Farbe, sondern auch live ausgestrahlt. Rund 4500 Journalisten berichteten vor Ort für ihre Heimatredaktionen in aller Welt. Diese mussten mit aktuellen Daten und Hintergrundinformationen versorgt werden – „aber es gab ja noch kein Wikipedia“, sagt Kiuntke.
Stattdessen wurde alles Wissenswerte zu den Sportlern und den Funktionären mühsam zusammengetragen: „Unsere Leute waren drei Jahre auf der ganzen Welt unterwegs, um vielversprechende Sportler auf ihren Wettkämpfen zu besuchen.“ Die Herausforderung: „Die zu finden, die am Ende bei Olympia auf dem Treppchen stehen“, so Kiuntke.
Das gesammelte Wissen wurde in drei jeweils wandschrankgroßen Rechnern gesammelt – mit 262 Kilobyte Gesamtleistung. Heute eher bescheiden, damals ein Novum, weil 500 Millionen Einzeldaten gespeichert und gezielt abgerufen werden konnten. „Insgesamt gab es 72 Auskunftsstationen auf dem Olympiagelände, in der Münchner Innenstadt und den Wettkampfstätten in Augsburg und Kiel.“ Die Journalisten aus aller Welt brauchten sich nur an die Hostessen in den Auskunftsstationen zu wenden. Sie gaben die Reporterfragen an das „Sportlexikon“ weiter. „Sekunden später erschienen die Antworten auf den Datensichtgeräten,“ erklärt Kiuntke. Diese frühen Computer wurden bald durch neuere Modelle ersetzt. Geblieben ist bis heute die Infrastruktur. Denn die enormen Kosten der Spiele sollten sich möglichst langfristig lohnen: „Deshalb hat die Stadt schon sechs Jahre vor den Spielen das Organisationsteam und Siemens an einen Tisch geholt, um zu sehen – was ist umsetzbar?“ Rund 200 Ingenieure haben sich daraufhin ausschließlich auf die Spiele vorbereitet.
Eines der größten Projekte war das neue Verkehrsnetz: „Siemens war in hohem Maße in den Ausbau des S- und U-Bahnverkehrs involviert. Das Unternehmen entwickelte und lieferte etwa die elektrische Ausrüstung für 120 S-Bahnzüge und 50 U-Bahn-Wagen“, erklärt Florian Kiuntke.
Während die mechanischen Komponenten von einem externen Anbieter eingekauft wurden, entwickelte Siemens die Elektronik der Bahnen – die bis heute im Einsatz ist. „Am Bahnhof Münchner Freiheit sieht man bis heute auf einer Uhr das Symbol S&H für Siemens und Halske“, erklärt der Historiker. Diese Tradition will der Konzern fortsetzen: „Die neue Generation der Münchner U-Bahn-Wagen kommt auch von uns“.
In der allgemeinen Hochstimmung taten sich auch andere Nischen auf: „Toaster waren lange nur weiß-emailliert oder verchromt verfügbar. Anlässlich der Spiele gab es nun ein Sondermotiv, das das Olympia-Stadion zeigt“, erzählt der Historiker.