Atomstrom für den Übergang?

von Redaktion

München – Russland liefert immer weniger Gas und treibt damit die Preise in astronomische Höhen. Rund ein Viertel des Gases wird bisher für die Stromerzeugung verwendet. Der Branchenverband Kerntechnik fordert deshalb, auch die verbleibenden drei Atomkraftwerke (AKW) am Netz zu lassen, um die Gaskraftwerke zu entlasten. Das Bundesministerium für Umwelt und nukleare Sicherheit will am geplanten Atomausstieg festhalten. Ein Pro und Contra aus zwei Positionspapieren.

Welchen Beitrag können AKWs leisten?

Pro: Strom aus Kernkraft ist grundlastfähig, steht also auch zur Verfügung, wenn Wind und Sonne nicht liefern. Diese Rolle war für die Energiewende den Gaskraftwerken zugedacht – doch genau diese Ressource soll ja geschont werden.

Contra: Gemeinsam konnten die sechs deutschen Kernkraftwerke 2021 rund 12 Prozent des deutschen Stroms liefern. Ende vergangenen Jahres wurden die Atommeiler in Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen abgeschaltet. Damit bleibt nur die Hälfte der Leistung erhalten – rund fünf Prozent der deutschen Stromerzeugung.

Wäre ein Weiterbetrieb sicher?

Pro: Die bereits abgeschalteten Atomkraftwerke Brokdorf und Gundremmingen wurden mit den seit 2012 geltenden neuen Standards für Sicherheitsanalysen überprüft. Hierbei wurden keine nennenswerten Defizite festgestellt. Deshalb ist auch bei den noch aktiven Meilern nicht mit Mängeln zu rechnen, die einen Weiterbetrieb verhindern würden oder Nachrüstung erfordern.

Contra: Alle zehn Jahre ist eine Sicherheitsüberprüfung notwendig. Die letzte wäre 2019 fällig gewesen, wurde aber – mit Blick auf die geplante Abschaltung Ende 2022 – durch eine Ausnahmegenehmigung im Atomgesetz nicht durchgeführt. Weil die letzte Sicherheitsanalyse 2009 nicht unter dem seit 2012 gültigen Standard ablief, ist nicht auszuschließen, dass die verbleibenden Anlagen den neuen Standards nicht genügen und nachgerüstet werden müssten. Eine erhebliche Verlängerung der Laufzeiten käme einer Neugenehmigung gleich – und verlangt darum die aktuellsten Sicherheitsstandards. Dazu zählt unter anderem, dass bei einer Kernschmelze radioaktives Material das Anlagengelände nicht verlassen darf. Das ist durch Nachrüsten nicht zu schaffen.

Ist ein Weiterbetrieb technisch überhaupt machbar?

Pro: Die Uranbeladung der Kraftwerke ist zwar nur bis Ende Dezember ausgelegt, im sogenannten Streckbetrieb könnten die Brennstäbe aber über das geplante Zyk-lus-Ende hinaus genutzt werden. So würde bis ins Frühjahr zusätzlicher Strom erzeugt – was Zeit für die Beschaffung neuen Urans brächte. Der Branchenverband Kerntechnik geht davon aus, dass die Lieferketten für Ersatzteile – sowohl in Deutschland, als auch in anderen Teilen Europas nach wie vor intakt sind.

Contra: Die Kraftwerksbetreiber bereiten sich seit Jahren auf den Abschalttermin zum 31. Dezember 2022 vor. Dementsprechend sind die Uran-Brennstoffvorräte nur bis zu diesem Zeitpunkt ausgelegt. Ein Weiterbetrieb im Jahr 2023 ist nur möglich, wenn die Leistung der Kraftwerke im Sommer gedrosselt würde, damit die Brennstäbe langsamer verbraucht werden. Das würde dann etwa bis Ende März 2023 reichen. Die Produktion von neuen Brennelementen dauert mindestens zwölf bis 15 Monate. Außerdem hat sich die Zulieferindustrie auf ein Ende der deutschen Kernkraft eingestellt. Deshalb erwartet das Umweltministerium, dass Ersatzteile schwer zu bekommen sind.

Gibt es genug Fachpersonal für einen Weiterbetrieb?

Pro: Für kurze oder mittlere Frist könnten die Betreiber die Kraftwerke weiterführen. Außerdem kann übergangsweise Personal von anderen Standorten angelernt werden – das dauert wiederum nur ein Jahr. Wollte man die Kraftwerke erheblich länger betreiben, müsste man neues Personal gewinnen – und einer mehrjährigen Ausbildung unterziehen.

Contra: Berufe in Kernkraftwerken sind angesichts des Atomausstiegs nicht zukunftsträchtig – dementsprechend gibt es kein neues Personal für einen Weiterbetrieb. Die Fachausbildung für neue Kräfte würde drei Jahre dauern.

Was ist mit den Kohlekraftwerken?

Pro: Kohlekraftwerke stoßen extrem viel CO2 aus. Kernkraft dagegen funktioniert CO2-arm. Außerdem ist nicht gesichert, wie sehr ein möglicher Importstopp von russischer Kohle die deutsche Versorgung treffen würde.

Contra: Die Bundesregierung will mögliche Gas-Engpässe durch einen verstärkten Einsatz von Kohlekraftwerken überbrücken. Kohle kann aus diversen Lieferländern wie Australien, Kolumbien und Indonesien importiert werden.  mas

Artikel 3 von 3